Curso de alemán nivel medio con audio/Lección 178c

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Archimedes (Teil 17)


„Ich sehe, du willst zu deinem Eudoxos“, sagte unvermittelt Konon. „Du hast recht. Er ist ein Geist, der dir verwandt ist. Wir sehen uns wieder, wenn du mich brauchst.“ Und er winkte mit der Hand und ging zu seinem Arbeitstisch zurück.
Archimedes aber, der die Worte nur halb verstanden hatte, wanderte wie im Traum den Weg zurück, den er mit Beta gekommen war.
Er war so erregt, dass es ihn nicht verwunderte, als er irgendwo im Hof des Wohngebäudes seinen Diener traf, der ihn wortlos in die Kanzlei führte, da man angeblich bereits zu ihm geschickt habe. Man zahlte ihm eine Summe aus, deren Höhe ihn schwindlig machte, und fragte ihn, ob er etwa Vorschuss nehmen wolle. Er schüttelte den Kopf, quittierte, bedankte sich bei dem erstaunten Kanzleischreiber, der vor Unterwürfigkeit nicht wusste, was er darauf erwidern sollte, und eilte davon. Der Diener lief voran, damit der Herr den Weg nicht verfehle.
Als Archimedes in sein Zimmer stürmte, galt sein erster Blick dem Tisch, auf dem bereits die Werke des Eudoxos standen.
„Rück mir den Lehnstuhl zum Fenster", sagte er vor sich hin, und als der Diener blitzschnell gehorchte, warf er sich in den Sessel und ergriff mit zitternden Fingern die erste Rolle des Eudoxos.
Ja, da war es! Alles war da. Alles, von dem er bisher nur armselige Bruchstücke gekannt hatte. Wie ein weites sattes Land lag es vor ihm. Satz um Satz, Beweis um Beweis. Und unvermittelt schrak er zusammen. Wie, wenn Eudoxos schon alles geleistet hatte, nach dem er selbst strebte? Hatte er so sichere Nachricht, da er nur Auszüge und Bruchstücke bisher kannte?
Seine Augen flogen über die Kolumnen, die zitternden Finger entrollten und spannten den Papyros. Jetzt musste es kommen. Jetzt und jetzt. Hier war der Weg, den er selbst gehen wollte. Nein. Die Gedanken rissen ab, liefen in andre Richtung. Aber hier wieder. Es musste jetzt kommen. Die Mathematik war doch ein zwingendes Geleise, das zum bestimmten Ziel führen musste, wenn man sich in den Beginn des Geleises begeben hatte. Nein, wieder nicht. Trotz herrlichster Anfänge ein andrer Weg. Es lagen Jahrhunderte zwischen Eudoxos und dem heutigen Tag. Von Neuentdeckung erfüllte Jahrhunderte. Und eben diese Neuentdeckungen waren weitere Bausteine, die sich erst mit den Vorläufergedanken des Eudoxos verschwistern mussten, um dorthin zu führen, wo er selbst die Ziele sah. Wozu auch die Kugel gehörte, die glatte Kugel, an der bisher die Gedanken von Jahrtausenden abgeglitten waren.
War er noch ein Gefangener des Museions? Wer störte ihn? Lebte er nicht körperlich im lichten Ideenreiche Platons? In einem Elysion, das schöner war als die begeisterten Schilderungen der Dichter?
Und er raste weiter und er wusste nichts mehr von irgendeiner Wirklichkeit, während eine Rolle nach der anderen, durchdrungen und durchforscht, neben ihm auf den Estrich sank, wo sie aber auch wieder ins Nichts verschwand, da der Diener sie auflas und sie lautlos zurückrollte und einordnete.
Plötzlich begannen sich die Schriftzüge, Zeichnungen und Buchstaben vor seinem Auge zu verwischen. Und eine mehrfach wiederholte Botschaft traf sein Ohr.
Da erwachte er aus seiner Entrücktheit. Kein Wunder, dass seine Augen den Dienst versagten. Es dämmerte bereits. Was aber bedeutete das Gemurmel im Vorraum, das durchaus keine Sinnestäuschung gewesen war, da es unentwegt weiterging. Ohne Zweifel eine fremde Sprache. Eine härtere und schärfere Sprache als das Hellenische. Wahrscheinlich ägyptisch. Ach, sein Diener war ja ein Ägypter. Und er unterhielt sich offenbar mit anderen Leuten des Gesindes.
Das Gemurmel war verstummt. Der Diener stand unvermittelt vor Archimedes und beobachtete, ob er noch in die Weisheit vertieft sei. Als er sich davon überzeugt hatte, dass der Herr nicht mehr las, meldete er leise:
„Herr, ein Brief. Ein Sklave hat ihn abgegeben, ohne dass es mir gelang, herauszubringen, wer der Absender sei.“
Archimedes blickte erstaunt auf den gefalteten und gesiegelten Papyros. Schreibstoff solcher Feinheit und Farbe hatte er noch nie gesehen. Dabei duftete das Schreiben eigentümlich. Wie nach fremdesten Blumen. Hatte er diesen Duft nicht schon gespürt?
„Geh, ich werde dich rufen,wenn ich etwas brauche“, sagte er leise. Als der Diener verschwand, öffnete er den Brief, wobei ihn schon mächtige vordrängende Erinnerungsbilder umgaukelten. Er wusste schon einen Teil des Geheimnisses. Der Duft hatte deutlicher gesprochen, als je Buchstaben sprechen können.
Da stand es außerdem in schönen, energischen griechischen Worten:
„Die Wirklichkeit sendet Archimedes von Syrakus ihren Gruß! Du bist in tiefe Träume

verstrickt, mein Freund. Ich weiß es. Trotzdem rufe ich Dich zu mir.

,Rolle, o Kreisel, und zieh ins Haus mir wieder den Jüngling.‘ Diesen Vers sang Dein herrlicher bukolischer Landsmann Theokrit, durch dessen Worte sich die Wälder wieder mit Göttern belebten, die - wie der große Pan - schon tot waren. Lies die Idylle ,Die Zauberin‘, damit Du verstehst, was ich meine. Wenn Du es aber verstanden hast, dann nimm es wieder nicht zu ernst, auf dass Du keine Enttäuschung erlebst. Für mich aber wäre es wunderschön, wenn Du heute bei mir speistest und Dich von tiefem Denken erholtest.
,Rolle, o Kreisel, und zieh ins Haus mir wieder den Jüngling.‘ Den Kreisel treibt mein Sklave, der Dich vor dem Museion auf der Kanopischen Straße erwartet. Auf Wiedersehen, mein Freund!“
Als Archimedes die Zeilen überflogen hatte, wusste er, dass ,die Wirklichkeit‘ ihm seit gestern unablässig nahe gewesen war. Andere Eindrücke, unerhört Neues hatten ihr Bild verdrängt, wie der wehende Wind das Spiegelbild im Wasser zu Farbenstreifen zerwogt, aber die Farbenstreifen waren vor ihm gewesen. Jeden Herzschlag hatte er sie gesehen. Es gab kein Leugnen. Wer aber war diese Wirklichkeit? Was konnte sie wollen? Laune? Zweck? Wirkliche geistige Anteilnahme? In Alexandria interessierte sich ja angeblich sogar der Pöbel für das Museion.