Curso de alemán nivel medio con audio/Lección 179c

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Archimedes (Teil 18)


Er rief nach dem Diener.
„Ist die Bibliothek noch geöffnet?“ fragte er heiser vor Erregung, die er nicht ganz verstand.
„Sie ist Tag und Nacht zugänglich, o Herr.“
„Verstehst du, ein Buch zu holen?“
„Es wird sofort zur Stelle sein, o Herr. Schreib deinen Wunsch auf dieses Blättchen. Es ist zu diesem Zweck hier.“
Archimedes kritzelte schnell „Idyllen des Theokrit“ auf den Papyros. Er kannte die Gedichte des großen Landsmannes nicht. Der Diener war sofort verschwunden, nachdem er den Zettel in Empfang genommen hatte.
Archimedes sprang auf und durchmaß das Zimmer in schnellen Schritten. Auf und ab. Gut, er hatte bisher gelebt wie jeder Jüngling in Hellas. Auch Frauen waren schon oft in sein Erleben eingetreten. Auch Dirnen, auch Knaben. Aber heute war das kein bukolisches Idyll, kein Schäfergetändel. Auch keine Liebe. Es war mehr und weniger. Es war ein beinahe unheimliches Geschehen, so gewöhnlich die Außenseite erschien. Er sollte nicht ernst nehmen, was er las. Das war es eben. In diesem Ausgleiten lag die Überlegenheit der „Wirklichkeit“. Wenn er nun aber doch eine Buhlerin traf, die wusste, dass neu angekommene Gelehrte im Museion sofort das große, für sie fast überflüssige Gehalt einzogen? Da lag die Gefahr. Solche Enttäuschung war tödlich. Warum wagte er jedoch das Abenteuer? Jetzt verstand er erst. Sie warnte ihn ja selbst. Dass er es nicht gleich bemerkt hatte. Er solle es eben nicht ernst nehmen, wenn ihn eine Hetäre rief. Die „Wirklichkeit" war ehrlich. Er durfte nachher nicht klagen.
Der Diener stellte den Bücherbehälter auf den Tisch. Archimedes fand die Schnelligkeit, mit der sein Wunsch in Erfüllung gegangen war, bereits selbstverständlich. Er entrollte das erste Buch. Gut, gleich die zweite Idylle. „Die Zauberin.“
Er las stehend beim Fenster.
„Auf, wo hast du den Trank? Wo, Thestylis, hast du die Lorbeeren?
Komm und wind um den Becher die purpurne Blume des Schlafes;
dass ich den Liebsten beschwöre, den Grausamen, der mich zu Tod quältl“
So begann es. Und er flog die Verse durch, die vom liebeswunden Mädchen in stets steigender Erregung gesprochen wurden, das sich nicht anders zu helfen wusste, als zur Zauberin zu laufen und alle avernischen Mächte zu beschwören. Und wie ein Aufschrei stets wieder der Kehrvers:
„Rolle, o Kreisel, und zieh ins Haus mir wieder den Jüngling.“
Plötzlich aber schweigt der Hass und die Zauberei und ein noch größerer Zauber beginnt zu wirken: die Erinnerung. Wieder der Kehrvers, in dem die anderen Verse eingebettet liegen und durch ihn stets neuen Sinn er halten:
„Sieh, o Göttin Selene, woher mir die Liebe gekommen.“
Bis sich die Erinnerung an genossenen Liebesrausch wieder bis zu Hassausbrüchen steigert:
„Hat er nicht anderswo Süßes entdeckt und meiner vergessen?
Jetzt mit Liebeszauber beschwör' ich ihn; aber wofern er länger mich kränkt - bei den Moiren! - an Hades' Tor soll er klopfen!
Solch ein tödliches Gift ihm bewahr' ich hier in dem Kästchen;
Ein assyrischer Gast, o Königin, lehrt' es mich mischen.“
Endlich der resignierte Schluss:
„Lebe nun wohl, und hinab zum Okeanos lenke die Rosse,
Himmlische! Meinen Kummer, den werde ich fürder noch tragen.
Schimmernde Göttin, gehabe dich wohl! Fahrt wohl auch ihr anderen
Sterne, so viele der ruhigen Nacht den Wagen begleiten!“
Archimedes warf die Rolle auf den Tisch. Der dionysische Inhalt des Gedichtes, die mehrschichtige Harmonie des Aufbaues mit den Kehrversen hatte ihn übermächtig erschüttert. Zugleich standen die Berge und Wälder seiner Heimat und Alexandria vor ihm. Zugleich die Geometrie und die Wirklichkeit.
„Melde Eratosthenes, dass ich heute abends nicht in den Speisesälen sein werde. Zuvor aber begleite mich hinaus zur Straße. Vielleicht habe ich dir noch Weisungen zu geben.“ Und er eilte davon, als ob ihm ein Luftbild entschwinden könnte.
Sein Diener zeigte ihm am Tor den Sklaven, der geduldig vor einer von zwei anderen Sklaven getragenen Sänfte stand.
Die Sklaven neigten sich tief vor Archimedes, als er einstieg. Dann aber begannen sie, die Kanopische Straße entlang zu laufen, die heute zwar auch belebt war, im Verhältnis zu gestern aber in ihrer Breite fast leer wirkte.
Archimedes bemerkte erst jetzt, dass die Dämmerung noch nicht weit fortgeschritten war. Es war ein klarer, nicht allzu heißer Spätnachmittag, an dem sich das Treiben eben erst zu entfalten begann.
Die Sklaven liefen in die Richtung, aus der er gestern zum Museion gekommen war. Sie machten aber vor dem Paneion nicht halt, sondern bogen erst ein gutes Stück westlicher gegen Süden ab. Das Stadtviertel, in das die Querstraße jetzt vordrang, wurde zusehends reicher und vornehmer. Hinter Mauern und Gittern funkelten inmitten feucht duftender Gärten prächtige Landhäuser, die manchmal sogar Palästen glichen. Bis sich endlich vor ihnen wuchtig die südliche Stadtmauer erhob. Hier bogen die Sklaven neuerlich gegen Westen und hasteten auf einem schmalen Pfad zwischen zwei Gärten, der plötzlich nicht weiterführte, da ihn ein hohes Bronzetor abschloss. Sie stellten die Sänfte behutsam auf das Pflaster, und einer von ihnen lief voran und öffnete mit einem mächtigen Schlüssel das Tor.
Nach Durchquerung des Tores wurde das Ziel des Weges jedoch durchaus nicht deutlicher, da dieser Weg in einigen Windungen sich zwischen hohen Gebüschen durchschlängelte.