Curso de alemán nivel medio con audio/Lección 164c

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Archimedes (Teil 3)


Archimedes blickte gegen die zunehmende Röte des Sonnenunterganges. Die Sonne verschwamm bereits im Dunst und war eine blutige, glanzlose Scheibe, die sich langsam in die Breite zu verzerren schien.
Da stiegen Wieder die Gedanken empor. Und wieder äffte es eigensinnig in ihm und Syrakus und Alexandria begannen um Vorrang zu streiten.
Warum hatte er die Vaterstadt verlassen? Aus Lust, die Fremde zu erforschen? Nein, das war es nicht. War Alexandria die Fremde? War es nicht der steingewordene Gedanke des Mächtigsten aller Hellenen? Man hatte auf Wüsten Inseln, so ging die Sage, vor kaum hundert Jahren mit weißer Erde die Grenzen dieser Stadt festgelegt, hatte sie geplant, Linien abgesteckt, hatte sie aus dem Nichts gezaubert. Ein einziger Baumeister hatte diese Stadt gebaut, was das Wesentliche anging. Wie Pallas Athene war sie aus dem Haupt des Schöpfers gesprungen. Vollendet, mächtig, riesengroß. Was nachkam, war Ausfüllung, Einzelheit. War das überhaupt noch eine Stadt? War nicht deshalb so viel Brausen und Summen in ihr, weil niemand in seiner Heimat war? Ein Bienenschwarm, der sich irgendwo niedergelassen hat.
Und doch waren es Hellenen, vorwiegend Hellenen, die hier auch den Gipfel des Geistigen stürmen Wollten. Dieses Gesumme war die Stätte reinsten Wissens, klarster Gedanken, mächtigster Zusammenballung alles Wesentlichen, alles Abgründigen und Lichten. Hier hatte Euklid seinen geistigen Pharos angezündet, seine Elemente der Geometrie aufeinandergetürmt, ein endgültiger, unumstößlicher Leuchtturm für alle Zeiten.
Deshalb war Archimedes hierhergekommen, deshalb. Vielleicht war Syrakus der eine Brennpunkt der Ellipse des Hellenentums, Alexandria der andere. Wenn nicht gar Alexandria der Mittelpunkt des Kreises war.
Würde er gleich Euklid hier haftenbleiben bis an sein Ende? Wozu solche Fragen? Es war ja noch kein Anfang geschehen, der ein Ende bestimmen konnte.
Es lag Staub in der Luft oberhalb der Kanopischen Straße. Ein langer Streifen flirrenden Staubes. Und die Luft war weich, drückend, beengend, und es schwirrten sonderbare Düfte durcheinander, wenn ab und zu ein warmer, streichelnder Windhauch irgendwoher wehte.
Archimedes schrak zusammen, dass ein kühler Schauer über seine Glieder rann. Denn plötzlich hatte eine unsäglich Wohllautende Stimme sein Ohr erreicht. Diesmal nicht mehr ein Affen eigener Dämonen, nein, eine tiefe, verwehende Frauenstimme:
„Es ist alles ein Traum, was du da siehst. Weniger als ein Traum. Es ist eines der Trugbilder, die verdürstende Wanderer in der Wüste schauen und die zerrinnen, wenn man näher kommt.“
Archimedes fuhr herum. Kaum einen Schritt entfernt lehnte ein hochgewachsenes Mädchen an der Brüstung der Marmorbalustrade und blickte in die Weite, so dass er nur ihr Profil sah. Unzweifelhaft eine Hellenin. Das braun-blonde Haar war in sorgfältige Knoten geschürzt, die zartgebogene Nase zitterte mit feinem Flügel und der üppige Mund lächelte leicht.
„Du bist ein Fremder hier“, sagte sie weiter, ohne ihre Haltung zu ändern. „Woher kommst du?“
„Aus Syrakus“, murmelte Archimedes. Bist du eine Alexandrinerin?“ Er hatte die letzten Worte beinahe Wider Willen hervorgepresst. Er wollte am liebsten gehen. Woher nahm dieses Mädchen das Recht, ihn zu stören und anzusprechen? Eine Buhlerin?
„Ich wohne hier. Meine Heimat war Milet. Dann lebte ich in Athen. Das alles tut nichts zur Sache. Nichts ist so wichtig, als dass man hier weiß, dass alles nur ein Traum sein kann.“ Sie machte eine verächtliche Geste mit der Hand.
Archimedes blickte wieder hinaus. Plötzlich hatte er seine widerstrebenden Gedanken vergessen. Die Stimme bannte ihn. War auch dieses Mädchen nur ein Traum? Er hatte ihre Augen noch nicht gesehen. Konnte man aber nicht auch Augen träumen?
„Wer bist du?“ fragte er, ohne es zu wissen.
„Auch das ist gleichgültig“, kam es zurück. Dann zeigte sie sehr unvermittelt gegen Nordosten und setzte betont fort: „Dort ist das Museion, Fremdling. Dein Museion! Der Mittelpunkt des Mittelpunktes, sonach der Traum des Traumes. Besteige wieder dein Schiff und fahre zurück nach Syrakus, bevor dich der Traum zerstört hat.“