Curso de alemán nivel medio con audio/Lección 165c

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Archimedes (Teil 4)


Archimedes durchschauerte es zum zweiten Male. Er starrte die Erscheinung an, die wusste, dass er des Museions wegen nach Alexandria gekommen war. Wandelten hier noch Göttinnen auf der Erde? War sie eine Göttin? Sie sah kaum anders aus, als sie - wie eine Skulptur des Phidias - mit erhobenem Arm an der Brüstung stand. Die untergehende Sonne hatte um ihr Antlitz und die Falten ihres Gewandes bronzeroten Schimmer gelegt.
Ohne Übergang sah er ihre Augen. Sie blickte ihm mit großen, strahlenden Augen voll ins Gesicht. Und erschien dadurch noch schöner und noch unglaubwürdiger. Aber sie lächelte spöttisch und ihr Busen atmete unter ihrem hauchzarten Kleid. Und fremdartige Ohrgehänge umrahmten das Antlitz.
„Wer bist du?“ wiederholte Archimedes seine Frage.
„Ich habe dich nicht mit Fragen bedrängt“, erwiderte sie leise, und ihr Lächeln wurde plötzlich traurig. „Ich warnte dich bloß. Aber, wie du willst.“ Sie wandte sich wieder ab und schwieg einige Herzschläge lang. Dann sagte sie betont: „Ich bin die Wirklichkeit. Nicht mehr und nicht weniger.“
„Die Wirklichkeit?“ Archimedes wiederholte diese Worte, als ob er sie nicht verstanden hätte.
„Ja, die Wirklichkeit", erwiderte sie. Dann wurde ihr Ton plötzlich leicht und ungezwungen, beinahe wegwerfend. „Ich dachte, du wolltest ins Museion. Erwartet man dich dort? Ich selbst werde dich hinführen. Dort unten in den Straßen feiern sie wieder einmal Feste. Es ist vielleicht gut, wenn ein Fremder geführt wird. Träume sind unberechenbar und verworren. Wie darf ich dich nennen?“
„Ich heiße Archimedes.“
„Archi-Medes?“ Sie lachte auf. „Der Erz-Grübler? Ist es nicht schön und von glücklicher Vorbedeutung, wenn ein Erzgrübler an der Hand der Wirklichkeit einen Traum durchwandert? Fürchte nichts. Ich verlasse dich vor dem Museion und du sollst mich nie wiedersehen. Obgleich ich dir sehr gerne nützen möchte. Komm jetzt!“ Sie ging voran, als ob es selbstverständlich wäre, dass sich alle Ereignisse nach ihrem Willen abspielen müssten.
Die beiden wandelten in der Kanopischen Straße gegen Osten. Es war betäubender, als wenn ein Mensch, der noch eben auf hoher, windumsauster Klippe gestanden war, in den Strudel der gischtigen Wellen gesprungen ist und nun erst wahrnimmt, was es bedeutet, unten zu sein und jeden Überblick zu verlieren. Er war jetzt unten. Denn, so weit das Auge reichte, brandete die lebendigste Straße der lebendigsten Stadt des Erdkreises an einem besonders lebhaften Abend. Trümmer von Bildern, Haltungen, Gesten erreichten sein Auge, um sofort durch grellere Bilderfolgen wieder weggeschwemmt zu werden. Dazu das Getöse ganz nahe und ein erdrückendes Wirrsal von Farben, das nur durch das Flirren des Staubes gedämpft wurde. Aber gerade wieder der Staub, auf dessen Pünktchen Düfte und winzige Lichter zu reiten schienen, peitschte die Sinne an, deutlicher zu fühlen, zu schauen, zu hören.
Das Mädchen sprach nicht ein kleines Wort. Das Gedränge der zahllosen Menschen brachte es mit sich, dass sie sich an ihn schmiegen musste, ihre Hand auf seinen Arm legte, oder mit ihren Fingern sein Gewand hielt, um nicht gewaltsam von ihm getrennt zu werden. So fühlte er mehr als eimnal die straffe Weiche ihres Leibes, die pulsende Wänne ihres Lebendigseins und einen berauschenden Duft, der sich aus erlesenen Aromen und dem Geruch ihres Haares zusammensetzte.
Sie war eine tüchtige Schwimmerin in diesem Menschenbranden. Und ihr Schritt war hochgemut und selbstbewusst. Nein, keine Buhlerin, kein Weib aus den Tiefen. Das wusste er, bevor noch ehrfürchtige Grüße und Blicke die beiden errreichten, die nur ihr gelten konnten. Es schien ihm manchmal, dass man ihr, so gut es eben ging, freie Bahn ließ.
Jetzt jubelte es um sie herum auf und eigenartige Musik von Pfeifen und Sistren entrückte den letzten Wirklichkeitsgehalt ihres Schreitens.
Plötzlich kroch Schamgefühl und Ernüchterung in Archimedes empor. Vielleicht, Weil er einsah, wie recht sie gehabt hatte, als sie sich zur Führerin anbot. Wie wäre er durch dieses Chaos von Wagen, Reitern, von orgiastischen Hellenen, mumienstarren Ägyptern, Mazedoniern, Juden, Negern, von begehrlichem und frechem Pöbel, von herausfordernden Söldnern, geschminkten, kreischenden Dirnen, Seeleuten, die eher Seeräubern glichen, von zudringlichen Verkäufern, die rechts und links der Fahrbahn ihre Waren ausgelegt hatten und die Vorbeigehenden mit List und Gewalt am Vorbeigehen hinderten, bis zum Museion vorgedrungen? Wo war das Museion? War es einer jener Prunkbauten, die zur Linken aufragten? Das waren doch Tempel. Einer nach dem andern. Vorspringend bis in die Straße und zurückfliehend, dass sich die Straße plötzlich zu Plätzen ausweitete.
Unter betäubendem Geschrei und zügellosem Beifall durchschritt ein langer Zug von Masken und herausstaffierten Mimen die Menge. Lachen gröhlte auf, schrie, überschlug sich. Man verhöhnte anscheinend einen alten Brauch. Welchen aber? Vielleicht höhnte man etwas, das noch vor hundert Jahren heilig war und fromme Schauer ausgelöst hätte. Die unkeusch glotzenden Augen und feuchten verzerrten Münder der Johlenden verrieten Geheimnisse von schamloser Blasphemie.