Curso de alemán nivel medio con audio/Lección 192c

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Archimedes (Teil 31)



Archimedes war gesenkten Hauptes zu seiner Gastgeberin zurückgekehrt. Noch einmal schwelten dicke Dämpfe Weihrauchs auf, noch einmal ertönte die Musik in volleren, jetzt auch von Sistren und Flöten durchsetzten Akkorden. Dann war plötzlich alles zu Ende, denn der blaue Vorhang hatte sich fast unmerklich verdeckend vor das Bild geschoben.
Aletheia drehte sich von der Orakelstätte ab und ging voran. Archimedes folgte ihr, und der Priester schloss sich den beiden an.
Vor dem Tempelausgang geleitete der Priester Aletheia noch in ein kleines Pförtnergelass, in dem an hölzernen Tischen einige Schreiber hockten. Archimedes, der in der Türe stehengeblieben war, sah, wie Aletheia unter dem Gemurmel des Priesters und der Schreiber eine erkleckliche Anzahl von Goldstücken auf den Tisch zähltte, worauf sich alle vor ihr verneigten und den Betrag dann vorsorglich einkassierten und anscheinend sofort verbuchten.
Die beiden Gewichtsgötter aber hatte ihr einer der Schreiber mit großer Flinkheit in ein bemaltes Holzkästchen verpackt und überreichte es ihr mit allerlei Gemurmel.
„Wir werden jetzt zur Barke zurückwandern, Archimedes", lächelte Aletheia, als sie wieder neben Archimedes stand. „Ich denke, wir können dann um Mitternacht am Ziele sein.“
„In Alexandria?“ fragte er ohne eigentliche Neugierde.
„Vielleicht anderswo, Archimedes. Musst du es wissen? Vielleicht auch ist es für dich kein Ziel. Du wirst es mir aufrichtig sagen. Hast du Hunger, mein Freund?“
Er hatte Hunger, ihr Ton aber war so seltsam gewesen, dass er das, was weiter geschehen sollte und was auch geschehen würde, nicht stören wollte. So schwieg er. Sie aber schien schon wieder mit ihren Plänen weit in der Zukunft zu sein, da sie sein Schweigen für Verneinung nahm und mit schnellen Schritten den Tempel verließ.
Die Lichter und Fassaden, die Obelisken und Pylonen von Canopus verglommen und verschatteten im Westen, als ihre Barke durch das tintenschwarze Wasser eines breiten Kanals, von schnellen Ruderschlägen angetrieben, gegen Osten glitt.
Mehr als eine Stunde war schon vergangen, seit sie den Tempel verlassen hatten, und am Himmelssaume stieg eben der Mond empor.
Wieder nach einer Weile schoss die Barke plötzlich in einen breiten Strom hinaus und drehte nach Süden, nachdem sie mächtige Quaderböschungen, Schleusen und die klotzigen Silhouetten von langgestreckten Lagerhäusern passiert hatte. Es war kein Zweifel. Sie fuhren jetzt bereits auf dem Rücken der kanopischen Mündung des heiligen Nilstromes.
Leichter Nordwind sprang auf, das Gekräusel der Stromwellen glitzerte auf einer Seite im Lichte des höhergestiegenen Mondes, und an den Ufern traten die Umrisse von Bäumen, Hainen, Landhäusern und Dörfern deutlich hervor.
Aletheia hatte schon manches mit Archimedes gesprochen, ihr Gespräch war seit dem Verlassen des Tempels kaum zum Stillstand gekommen. Es hatte sich aber bisher ausschließlich auf eben wahrgenommene Dinge und Menschen, auf nebensächliche Fragen und auf das Museion bezogen. Und war sowohl an den tieferen Regionen seiner Entdeckungen als an der Ausdeutung des Orakelerlebnisses in unausgesprochenem Einverständnis vorübergehuscht, obwohl mehr als einmal eine Beziehung zu beiden Themen aufgetaucht war.
Jetzt aber, in der mondglitzernden Kühle der Nilfahrt, schien Aletheia nicht mehr ausweichen zu wollen. Denn sie sagte, unvermittelt, wie es ihre Art war:
„Du dürftest aus der Weihe, ich meine aus der Barzahlung des Mysterienschauspieles entnommen haben, um welche Art von Gottesdienst es sich da handelt. Ich kenne die alte Religion der Ägypter. Sie war tief und schön, groß und stark. Und eine der schönsten Züge dieses Kultes war das Totengericht.“ Nach einer Pause fuhr sie fort: „Wo nun, glaubst du, Archimedes, steht ein Volk, ich meine, wie sehr muss es herabgekommen und entartet sein, wenn es derart letzte Dinge in dieser Weise preisgibt? Es ist ein schändliches Gemisch von Aberglauben und Unfug, dieses Orakel. Noch mehr Unfug als der Weihwasserspeier, den wir am ersten Tage unserer Freundschaft sahen. Der tiefste Sinn all dieser Zurüstungen ist natürlich nichts anderes als die Sucht der Priester, Einnahmen herauszuschlagen, weil die Könige sich ihrem Einfluss und ihrer Gier entzogen haben. Deshalb wenden sie sich unmittelbar ans Volk. Wie hoch sie aber den Geist und die Gläubigkeit dieses Volkes einschätzen, siehst du an den Einrichtungen.“ Wieder macht sie eine längere Pause. Dann sagte sie sehr kalt und wegwerfend:
„Ich habe es, als wir da unten standen, von deinen Augen abgelesen, Archimedes, dass auch ein Mensch deiner Größe sich den Zaubereien nicht restlos entziehen kann. Gut, es ist das Fremde, Niegesehene, Niegehörte, das auf dich Eindruck machte. Und der Umstand, dass du bis jetzt noch nicht weißt, was das alles bedeutet. Darum will ich es dir erklären. Die Waage wird dort unten für viel Geld und gute Worte - denn man muss sogar Empfehlungen haben, um überhaupt Zutritt zu erhalten - die Waage wird also so lange in Verwirrung gebracht, bis kein Mensch mehr wissen kann, welcher Gewichtsgott bei der Wägung das Gleichgewicht herstellt. Nun hat jeder dieser Götter eine Prophezeiung eingeritzt. Wir werden sie heute nachts noch entziffern lassen. Außerdem ist aber das Schauspiel an und für sich sehenswert. Insbesondere die Göttin der Wahrheit, das nackte, gelbgeschminkte Mädchen. Hat sie dir nicht gefallen? Ich vermute sehr stark, dass du dich sogar diesem Mädchen auch nach der Kulthandlung auf andere Weise nähern kannst, wenn du dem Tempel noch eine Handvoll Goldstücke spendest. Wie gesagt, das weiß ich nicht. Ich vermute es aber aus anderen Erscheinungen, etwa im Isiskult. Dort gelang es mir wirklich erst im letzten Augenblick, mich den eindeutigen Belästigungen des allzu menschenähnlichen ,Gottes‘ zu entziehen. Aus alldem aber für dich und für ganz Hellas wichtige Schlussfolgerungen zu ziehen, behalte ich mir für später vor. Wir haben ja so viel Zeit.“