Curso de alemán nivel medio con audio/Lección 181c

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Archimedes (Teil 20)


„Nein, durchaus nicht!“ lachte sie. „Das hätte ich einfacher haben können. Ich bin aber nun einmal eine alberne Person und liebe das Versteckenspielen. Der Wirklichkeit ist nie etwas genug. Ihr genügen nicht einmal Paläste. Sie will alles haben. Auch Geheimnisse. Auch rollende Kreisel, die Jünglinge herbeizaubern.“ Sie biss in die roten Kerne des Granatapfels und warf sie dann den Vögeln hin, die mit gierigen Stelzschritten darauf zuschossen. Plötzlich wurde sie sehr ernst und sah ihn mit einem Blick an, dessen Tiefe und Schönheit er trotz all ihrem Liebreiz noch nicht geahnt hatte. „Ich bin gleichwohl irgendwie mit den Göttern befreundet“, setzte sie fort. „Ich rief dich um sehr, sehr ernster Dinge willen. Und bin dir dankbar, dass du kamst. Viel von dem, was ich dir sagen will, kann ich heute nicht zureichend erklären. Ich muss es dir zeigen. Ich wollte aber heute ein wenig mit dir beisammen sein, um die Fremdheit zu verscheuchen. Hier in meinem Hause. Und ich bitte dich, in vier Tagen dich meiner Führung anzuvertrauen. Es gibt da drüben sonderbare Dinge.“ Und sie zeigte mit der Hand in unbeschreibliche Anmut über den See nach Südosten. Dann blickte sie zu Boden und schloss: „Eratosthenes wird dir sagen, wer ich bin. Frag ihn nach der Wirklichkeit. Aber, bitte, verschmäh jetzt die Speisen nicht, die ich mit großer Sorgfalt für dich bereiten ließ.“
Archimedes schwieg. Ein Wirbel von Gedanken erfasste ihn. War sie eine Königin? Ihr Haus? Dieser Palast, dieses Reich gehörte ihr? Und die Speisen? Es waren Krebse, Fische und Dinge, die er überhaupt nicht kannte. Alles in goldenen Schüsseln mit ägyptischer Glasur. Dunkler, schwerer Wein, helle Fruchtsäfte und süße Mete.
„Sieh, Archimedes“, sprach sie weiter, „du weißt, dass ich eine Milesierin bin, dass ich in Athen weilte. Das habe ich dir bereits gesagt. Auch die Mathematik ist mir nicht fremd. Ich kenne das Reich der Formen und das Reich der Zahlen. Ein wenig kann ich beurteilen, wer du bist. Ich hörte, dass du aus Syrakus hierherkommen würdest. Ich höre alles. Meine Leute haben am Hafen erfahren, dass du eintrafst. Ein Eilbote hat mich davon verständigt und einige andere haben mir fortlaufend berichtet, wohin du gingst. Unser Zusammentreffen auf der Spitze des Paneions war kein Zufall. Ich suchte dich. Als ich dich aber sah, kam zu meiner Neugierde noch anderes hinzu. Nennen wir es Freundschaft. Kurz, ich will zum Ruhm und zur Größe des Hellenentums so viel beitragen, als ich kann. Und du sollst auch nicht glauben, dass in Alexandrien nur Narren und Buhlerinnen wohnen. Richtiger gesagt, ist es so. Ich will aber nicht, dass dich diese Atmosphäre von dem abzieht, wozu du bestimmt bist. Und da war ich gestern eine Göttin, heute bin ich eine Königin, in einigen Tagen werde ich wieder anderes sein. Stets aber die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist ein Mädchen, Archimedes. Oder eine Frau. Aber auch das darfst du nicht falsch verstehen. Ich habe die Weihen des großen Dionysos, Archimedes. Ich kenne auch die Abgründe des Wirklichen.“ Unvermittelt lenkte sie ab: „Sieh, wie die Vögel plötzlich erschrocken auseinanderfahren! Sie erschrecken über das Geräusch ihres eigenen Flügelschlages.“
Archimedes fühlte sich durch ihre Worte stets mehr und mehr gebannt. Er hatte es schon längst aufgegeben, ihr Rätsel zu ergründen. Gab es da überhaupt ein ergründbares Rätsel? Wer sie war, wie sie hieß, ihren Rang, Reichtum, all das würde er von Eratosthenes erfahren. Dadurch auch wahrscheinlich ihre Absichten. Was bedeutete das aber? Wie konnte das die Ruhe, den Auftrieb erklären, den sie ihm gab. Er sah sich genau. Sah sich wie einen schüchtern blöden Epheben vor ihr sitzen, der ganz im Gegensatz zu seiner sonstigen Entschiedenheit nicht einmal ein Wort hervorbrachte. Trotzdem war es keine Lähmung, keine Befangenheit. Er wollte gar nicht sprechen, wollte sich ihr hingeben, sich von „der Wirklichkeit“ einhüllen lassen, fühlte stets wieder das letzte Geheimnis der „Urmütter“, das sie ausstrahlte. Sie stand mit dem geheimnisvollen „Ort der Entstehung“, dem Urgrund, sichtbar in Verbindung. Deshalb auch wusste er, warum er nicht sprach. Es war ihre Aufgabe, ihn schweigen zu lassen, ihn zu vereinigen, ihm letzte Ruhe zu schenken. Oder war sie doch nur ein liebendes Mädchen, das in einer vergänglichen Laune sich den Spaß leistete, einen Weisen des Museions zu verwirren? Sie hatte es jetzt schon in der Hand. Das fühlte er an seiner Angst, die sofort in ihm emporstieg, wenn er solche Gedanken auch nur ein wenig erwog.
„Du spielst mit mir“, sagte er plötzlich vor sich hin. „Die Wirklichkeit ist eine große Gefahr für Menschen, denen die Götter einen unabänderlichen Weg vorgeschrieben haben. Vielleicht sollen sie eben deshalb der Wirklichkeit ausweichen.“
Sie schüttelte fast traurig den Kopf.
„Ich spiele nicht mit dir, Archimedes“, antwortete sie weich und gleichwohl fest. „Ich will es eben verhindern, dass du die Wirklichkeit dort begegnest, wo sie dir schadet. Dein Wille auszuweichen ist ein frevelhafter Wille. Er ist die Ansicht dieses gespenstischen Museions, das du erst kennenlernen wirst, bis es dich nicht mehr blendet. Nein, bei mir ist sicherlich nicht von mir, auch nicht von Archimedes die Rede, sondern von Hellas, wenn ich das Wort Platons abwandeln darf. Du ahnst jetzt schon, dass ich fast alles könnte, was ich wollte. Als Göttin, als Königin, als das, was du noch erfahren wirst. Aber ich will Beschränktes, Klares, Großes. Wenn du es Spielerei nennst, dann widerspreche ich nicht. Vor den Göttern ist alle Menschentat irgendwie Spielerei. Ich werde nur das nicht tun, was bei den Menschen mit Recht als Verspieltheit bezeichnet wird. Darf ich dir jetzt von der Stadt der Städte, von diesem Alexandrien, erzählen, wie ich es sehe? Von dieser Stadt, die ich so wenig liebe, dass ich mir das Haus außerhalb der Stadtmauer baute? Ich halte meine Tat nicht einmal für gefährlich. Alexandrien hat keine möglichen äußeren Feinde. Ich bin hier geschützter als innerhalb der Mauer. Denn solche Träume wie Alexandrien verwirren sich nur in sich selbst.“ Sie bot ihm Speisen an und schenkte seinen Becher voll.