Curso de alemán nivel medio con audio/Lección 174c

De Wikilibros, la colección de libros de texto de contenido libre.
Ir a la navegación Ir a la búsqueda
índice
Lección 173c ← Lección 174c → Lección 175c
Lección 173Lección 174Lección 175


Archimedes (Teil 13)


„Als Mensch, Apollonios, bist du der Vulkan. Deine Worte hatten sicherlich weniger Form als Inhalt. Das soll aber keine billige Widerlegung oder gar eine Verhöhnung sein. Du magst recht behalten, magst alles, was bisher Geometrie hieß, auf deiner Seite als Bundesgenossen kämpfend hinter dir haben. Du siehst aber bloß die Welt des Seins, nicht die des Werdens. Die Welt der Eleaten und der Platoniker im Gegensatz zur Welt Heraklits. Du heißt nicht ohne tieferen Sinn Apollonios. Es ist die Welt Apollos, die du vertrittst. Ich sehe aber darüber hinaus noch die Welt des ebenso göttlichen Dionysos, und es ist ebenso ein Sinnbild, dass ich von den syrakusischen Königen gleichen Namens stamme, die wieder mit Platon die Welt neu aufbauen wollten. Rätsel über Rätsel. Oder nur grammatisches Spiel, wie es Sosibios treibt? Wo ist ein Ende, wo ein Anfang? Unser großer Freund Eratosthenes hat die Geoikuméne, die bewohnte, bewohnbare Erde, den Menschenzielen angewiesen. Darüber hinaus, im Unbegrenzten, beginnt das Reich der Götter. Wer dorthin strebt, ist ein Frevler. Oder ist er nur ein Mensch, der glaubt, dass auf der bewohnten Erde das Niegesehene, umwälzende Neue nicht mehr zu finden ist? Du wähltest die letzten Geheimnisse des Kegels, Knabe, weil dort noch gerade Linien laufen, die du greifen kannst. Ich weiß jetzt schon, dass ich das Geheimnis der Kugel lösen werde. Weil es ein jenseitiges, ein irrationales, alogisches Geheimnis ist und weil ich zu Dingen geboren bin, die du, wunderbarer Knabe, fälschlich für Inhalt hältst und bis an dein Lebensende für grobe Inhalte ansehen wirst, obwohl sie letzte, allerletzte Formoffenbarungen sind. So ist es auf der Welt und so wird es bleiben. Menschen der sogenannten reinen Form, Apollonios, werden Menschen des rasenden Ausdrucks stets als minderwertig, als Überschreiter, als Gottesfrevel missachten. Ich aber werde dich niemals hassen, ich werde dich ehren, lieben, bewundern, manchmal mich sogar nach deiner Welt wie nach dem verlorenen goldenen Zeitalter zurücksehnen. Denn deine Welt ist in mir, Apollonios. Sie ist das mittagsatte Wellengekräusel der wahren Lust. Bei mir ist aber daneben noch Windstille und Sturm.“
Apollonios hielt sich die Ohren zu. So verharrte er einige Herzschläge. Dann erwiderte er eisig:
„Das alles ist Hochmut. Furchtbarer Hochmut eines Ungeduldigen, der im tiefsten Grund das Chaos will und behauptet, den Kosmos als Teil in sich zu tragen. Ich habe mich nicht getäuscht. Nur habe ich dich für weit harmloser gehalten, als du es bist. Diese Nacht heute wird mir unvergesslich sein. Dafür aber danke ich dir, dass du mich endgültig überzeugtest, dass mit solchen Gegnern ein Waffenstillstand Verbrechen ist. Größe und furchtbares Wissen erkenne ich bei dir an, Archimedes. Aber je stärker der Feind, desto wilder Kampf und Hass. Nicht für mich. Für das heiligste Gut der Hellenen, für die Mathematik, die Euklid beinahe vollendete, damit du das göttliche Gebäude zur Schmach für alle Zeiten herostratisch anzündest und noch die letzten Trümmer zusammenschmeißest.“ Damit drehte er sich ab und ging unaufhaltsam den Weg zurück, den sie alle heraufgekommen waren.
„Ich werde nie wieder mit dem Knaben sprechen“, sagte Archimedes in dumpfer Wehmut.
„Ich wollte dich darum bitten“, erwiderte Konon.
„Du hattest recht, Konon, er ist ein Wunder und er wird ein Stolz der Hellenen werden, weil er das Wesentliche sieht, wenn es auch nach meiner Meinung nicht das tiefste Geheimnis ist. Das aber ist meine vereinzelte Meinung, für die ich werde leiden müssen. Apollonios wird glücklich werden.“ Archimedes machte eine kurze Pause. Dann lenkte er ab: „Jetzt aber zu den Wundern des Himmels, die du mir außerdem versprachst, Konon.“
Konon lächelte, dann sagte er rasch:
„Bei diesen Wundern wirst du zwei Meister haben, die dich führen. Eratosthenes und mich. Wir werden die Geräte einstellen.“ Und er wandte sich zu den funkelnden Instrumenten. Sicherlich waren Stunden verronnen, zeitlose Stunden, in denen der Umschwung der Gestirne sich mit den Herzen und Seelen der hingegebenen Betrachter so sehr verwoben hatte, dass in ihnen jener unaussprechlich gewaltige und doch so urweltstille Klang der Sphären rauschte; in den geistigen Riesenräumen dieser drei begnadeten Mathematiker, deren Anschauungskraft zudem noch so ungeheuer war, dass sie es auch vermochte, das verschnörkeltste Geflecht von Mond- und Planetenläufen auseinanderzulegen, zu glätten und zu unabhängig vom allgemeinen Sternenzug kreisenden Bahnen umzudeuten. Was beschwerten diese Männer schräge Achsen, Kugeldreiecke, Überschneidungen oder scheinbare Rückläufigkeiten? Sie schauten und sahen, fragten und antworteten, horchten und hörten, planten und bauten. Und sie konnten, beinahe zu gleicher Zeit, gemäß der Lehre des Aristarch von Samos, den ganzen bewegten Kosmos als Umschwung um die Sonne, jedoch auch gemäß der herrschenden geozentrischen Lehre als Umlauf um die Erde denken und in allen Folgerungen betrachten.
Wenn schon Konon und Eratosthenes Wunder der Rechenkunst waren, übertraf die beiden Archimedes noch um unvorstellbare Maße. Sein Mund murmelte die Ergebnisse fast gleichzeitig mit der Problemstellung, und jede Größenordnung von Zahlen schien vor seinem Blick nicht schwieriger zu sein als die Anfangsgründe der Rechenkunst, wie sie die Knaben in der untersten Schule lernten.


Diese Stunden waren im wahrsten Sinn eine Reise durch alle Sphären der Erde und des Himmels. Und sie gebaren dazu noch, gleichsam im munteren Ballspiele, neue Ergebnisse und neue Ausblicke, die vorher noch niemand erdacht oder erschaut hatte.
Bis endlich Eratosthenes leise auflachte und sagte:
„Wir sind gleichwohl Menschen, liebe Freunde, wenn wir auch auf goldenen Wagen durch die obersten Bereiche sausen. Eben dieselben Gestirne, aus denen ich plötzlich auf die Erde zurückfiel, haben mir mitgeteilt, dass der Morgen nicht mehr allzufern ist. Es ist gut so. Wir haben in unsrer Weise das große Fest, dessen Lärm noch herüberweht, mitgefeiert. Aber ein kurzer Schlaf ist besser als gar keiner. Und der müde Wanderer Archimedes soll jetzt sehen, dass das Museion auch das kurze Vergessen des wahren Lebens schätzt.“
Sie stiegen also die Treppen hinab in die Wandelhalle und verabschiedeten sich dort von Konon, dessen Wohnung in einem anderen Gebäude lag.