Curso de alemán nivel medio con audio/Lección 057c

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Das Cover des Buches
Quelle für den Text der Lektionen 051c bis 063c Lektionen ist das Buch
Alles über Wikipedia und die Menschen hinter der größten Enzyklopädie der Welt
Das Buch erschien unter einer freien Lizenz (Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported, CC-by-sa).
fuente: Allesueberwikipedia.pdf - CC-BY-SA Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported, CC-by-sa - CC-BY-SA
Inhalt
Inhalt
VORWORT 9
EINLEITUNG 11
DIE ENTSTEHUNG DER DEUTSCHEN WIKIPEDIA 15
Von Nupedia zu Wikipedia:Wie alles anfing ... 15
Odyssee ins Jahr 2001: Die Anfänge der deutschen Wikipedia 23
Ein Blick zurück von der anderen Seite der Diskette 31
Zehn Jahre Wikipedia: Meilensteine 35
Der millionste Artikel für die deutsche Wikipedia 41
Wikipedia: Eine kritische Sicht 43
DIE WIKIPEDIA-ARBEIT 47
Grundkenntnisse 47
Was braucht ein »guter« Artikel? 59
Ein Begrüßungslöschantrag 63
Von der IP zum Bürokraten: die »Karriere« eines Wikipedianers 64
Da kann ja jeder reinschmieren! 67
Wo erhalten Benutzer Hilfe und Unterstützung? 71
WIE GUTE ARTIKEL ENTSTEHEN 81
Die Qualität von Wikipedia: Anspruch und Wirklichkeit 81
Geständnis eines Kleinvandalen 100
Die Zebrarennschnecke:Vom Kindermund zum enzyklopädischen Artikel 101
Wer rastet, der rostet 104
Listen über Listen 105
Nicht zu benutzen 107
Wikipedia organisiert 108
Schon gewusst? - oder: Wie kommt man flott auf die Hauptseite? 115
Masse mit Klasse 118
Die Todesopfer an der Berliner Mauer 121
MOTIVATION: FREIWILLIG FÜR FREIES WISSEN 125
Unverhofftes Wiedersehen 125
Von Metzgern und Schlachtern - oder: Wenn's sonst keiner macht ... 127
Wikipedia-Mitarbeit hält die Festplatte am Drehen 130
Der Traum von einer eigenen Enzyklopädie 131
»Wikipedia and I« 133
Wikipedia - der erste Schuss ist gratis 138
Damenfang 140
Wikipedia: Ein persönlich gefärbter (was sonst?) Erfahrungsbericht 141
Warum ich immer noch mitspiele 144
Der Büchermessie 147
Wikipedia-Momente 149
KOMMUNIKATIONSKULTUR 151
Möglichkeiten und Grenzen demokratischer Strukturen in derWikipedia 151
Wissen ist Macht 162
Exklusionisten gegen Inklusionisten ein enzyklopädischer Bruderkrieg 164
Exklusionismus: In den Maschinenräumen von Wikipedia 173
Inklusionismus: Mehr Toleranz! 178
Mit 80 + dabei 182
DIE DUNKLE SEITE DER WIKIPEDIA 187
Am Anfang war der Streit 187
Kaffeeservice und Bügelbrett: Von der Wikipedia ohne Umweg in die Köpfe 210
Aus der Löschhölle an die Wand 214
Von der »Hassenstein-Debatte« zu allerlei Erfreulichem 216
Trollosophie 222
DIE WISSENSCHAFT ZU WIKIPEDIA 225
Wikipedistik 225
Wikipedia als Forschungsobjekt 241
Die Wikipedia als Werkzeug für individuelle und kooperative Lernprozesse 243
Verborgenes Wissen in Wikipedia 246
Die Enzyklopädie und der Elfenbeinturm - wie Wikipedia und Wissenschaft zueinander finden können 247
»Sag bloß keinem, dass du da mitmachst!« 266
Durch Kooperation zum Erfolg: Die Johann-Heinrich-ZedlerMedaille 268
Wikipedia und Wissenschaft aus der Sicht der Akademieforschung 269
Einstieg mit Hürden 273
Wikipedia als Lebensweise 274
Wikipedia und Speziallexika im Wettstreit 276
DIE TECHNIK HINTER WIKIPEDIA 283
MediaWiki - oder: Das Web 0,0 283
Hardware: Betrieb der Wikipedia 295
Das Werden und Wachsen der Helferlein: Bots, Skripte und Werkzeuge 300
AUSBLICK: WIKIPEDIA 2021 311
ANHANG 327
Glossar: Wikipedia-Jargon für Anfänger 327
Die Autoren 333
Creative Commons License 344



MC301 - MC310[editar]

MC301

Damit sind Administratoren legitimiert, bei Konflikten einzugreifen. Einer der wichtigsten Grundsätze dabei ist, nicht in eigener Sache tätig zu werden und sich insbesondere durch die zusätzlichen Funktionen keine Vorteile im Streit um Inhalte zu verschaffen. Das ist in Themenbereichen, in denen es nicht viele fachlich qualifizierte Administratoren gibt, nicht unproblematisch, denn durch eigene Mitarbeit an umstrittenen Artikeln kann ein Administrator als befangen gelten und Fehlverhalten anderer Mitarbeiter dann nicht mehr sanktionieren. Ursprünglich wurden Administratoren auf unbestimmte Zeit gewählt und haben ihre Rechte auch bei Inaktivität nicht verloren. Dagegen regte sich Widerstand in der Community, weil erwartet wird, dass Administratoren über Entwicklungen innerhalb der Wikipedia auf dem aktuellen Stand sind. Regelmäßige Wiederwahlen wurden zwar verworfen, weil die Community dadurch permanent mit Wahlen beschäftigt sein würde, die bei guten Administratoren völlig überflüssig wären. Stattdessen gibt es nun Wiederwahlen auf Antrag, sobald eine bestimmte Zahl stimmberechtigter Nutzer das fordert.
In extremen Fällen können die erweiterten Rechte aufgrund einer Abstimmung auch temporär entzogen werden. Absichtlicher Missbrauch kommt allerdings äußerst selten vor. Da alle administrativen Vorgänge in Logbüchern erfasst werden und von anderen Administratoren rückgängig gemacht werden können, kann ein einzelner Administrator keinen dauerhaften Schaden anrichten. Trotzdem kann ein Administrator, der wiederholt zweifelhafte Entscheidungen trifft, zu einer Belastung werden. Es zählt zu den ungeschriebenen Regeln, dass Entscheidungen von Administratoren, sofern sie nicht offensichtlich völlig verfehlt sind, nicht ohne Rücksprache revidiert werden sollten. Dies wird von Kritikern gern so interpretiert, dass unter Administratoren ein Korpsgeist herrsche und Fehlentscheidungen gedeckt würden. Es wäre jedoch fatal, wenn sich einzelne Administratoren andauernd gegenseitig revidieren würden. Man stelle sich Schiedsrichter im Sport vor, die sich nicht einigen könnten: Es würde kein Spielfluss mehr zustande kommen. Falls ein Administrator auf einer Entscheidung beharrt, obwohl dagegen gute Argumente vorgebracht werden, müssen weitere Administratoren hinzugezogen werden, und die endgültige Klärung erfordert dann einen nicht unbeträchtlichen Aufwand. Gerade bei absehbar kontroversen Aktionen sollte ein Administrator sich deshalb vorher überlegen, ob er wirklich im Interesse der Community handelt und das auch entsprechend begründen kann.



MC302

Vokabeln:


MC303

Konflikte
Da sich herausgestellt hat, dass es Konfliktfälle gibt, in denen kein Konsens hergestellt werden kann oder die Autorität einzelner Administratoren nicht ausreicht, um eine allgemein akzeptierte Lösung für ein Problem zu finden, wurde 2007 als zusätzliches Gremium ein Schiedsgericht gegründet. Ihm gehören zehn Benutzer an, die von der Community jeweils für ein Jahr gewählt werden. Im Gegensatz zu den Wahlen von Administratoren sind dabei keine Gegenstimmen zugelassen, sondern es werden die Kandidaten mit den meisten Stimmen gewählt. Dies ermöglicht es auch Kandidaten, die bei einer Wahl zum Administrator nicht die notwendige Mehrheit erreichen würden, in der Community aber populär sind, in das Gremium gewählt zu werden. Die Regelung wurde Ende 2010 revidiert. Das Schiedsgericht entscheidet letztinstanzlich, darf seine Entscheidungen aber nicht selbst umsetzen. In einem Meinungsbild wurde von der Community festgelegt, in welchen Fällen das Schiedsgericht überhaupt tätig werden darf. Entscheidungen zu inhaltlichen Fragen darf es nicht treffen, in der deutschsprachigen Wikipedia hat es sich daher im Wesentlichen als zahnlos erwiesen. In der englischsprachigen Wikipedia ist das Schiedsgericht mit weitaus größeren Vollmachten ausgestattet, was aber ebenfalls Anlass zur Kritik gibt.
Besonders kontrovers sind erfahrungsgemäß langfristige Benutzersperren. Für jedes Projekt ist es von großer Wichtigkeit, wer daran mitarbeiten kann und wer von der Mitarbeit ausgeschlossen wird. Bei Wikipedia stellen sich hier mehrere Probleme: Zum einen ist es überhaupt nicht möglich, Benutzer wirkungsvoll an der Mitarbeit zu hindern, da jederzeit ein neuer Account angelegt werden kann, der dann erst erkannt und gegebenenfalls erneut gesperrt werden muss. Einige gesperrte Personen entwickeln in dieser Hinsicht eine bemerkenswerte Hartnäckigkeit. Zum anderen gibt es bei Wikipedia den Grundsatz, von gutem Willen auszugehen. Dauerhafte Sperren werden daher von vielen Benutzern als unverhältnismäßig empfunden.



MC304

Vokabeln:


MC305

Grundsätzlich kann jeder Administrator Sperren beliebiger Länge verhängen. In Fällen von offensichtlichem Vandalismus ist das normalerweise unproblematisch. Bei Sperren wegen Verstößen gegen den Grundsatz, nach dem persönliche Angriffe unterbleiben sollten, gibt es bereits unterschiedliche Ansichten, was zwingend zu einer Sperre führen sollte und was nicht. Während einige der Meinung sind, dass Wikipedia kein »Mädchenpensionat« sei und Diskussionen so offen wie möglich geführt werden sollten, weisen andere darauf hin, dass ein rüpelhafter Umgangston auf andere Mitarbeiter und insbesondere Neulinge oft sehr abschreckend wirkt und daher unterbunden werden sollte. Einen festgelegten Maßnahmenkatalog gibt es nicht, Administratoren haben hier einen recht breiten Ermessensspielraum, auch was die Länge einer Sperre angeht. Die daraus folgende Uneinheitlichkeit von Sanktionen führt natürlich oft zu Diskussionen.
Noch schwieriger sind Fälle, in denen Benutzer beharrlich gegen Projektgrundsätze verstoßen, aber zumindest ansatzweise auch konstruktiv mitarbeiten. Die Grenze zwischen Querdenkern und Trollen verläuft gelegentlich fließend. Einem einzelnen Administrator wird in der Regel nicht die Entscheidungsbefugnis zugestanden, einen solchen Benutzer dauerhaft zu sperren. Hierfür gibt es das Instrument des Benutzersperrverfahrens, bei dem eine Mehrheit stimmberechtigter Benutzer für eine bestimmte Sperrdauer zustande kommen muss. In der Praxis sind längere oder gar dauerhafte Sperren auf diesem Wege kaum noch zu erreichen, allein weil etliche Nutzer, die prinzipiell gegen solche Sperren sind, fast immer dagegen votieren. Immerhin zeigt sich an der Seltenheit, mit der unbefristete Sperren verhängt werden, der Wille der Community, auch problematische Mitarbeiter zu integrieren.
Ein weiterer Fall von Abstimmungen innerhalb der Community sind die sogenannten Meinungsbilder, durch die neue Regeln eingeführt oder bestehende geändert werden sollen. Es lassen sich in der Wikipedia heute zwei gegenläufige Tendenzen beobachten. Einerseits gibt es Stimmen, die monieren, dass es schon zu viele Regeln gebe. Andererseits wird alles, was nicht durch eine explizite Regel abgedeckt ist, von manchen als willkürlich abgelehnt, insbesondere wenn es nicht der eigenen Meinung entspricht.



MC306

Vokabeln:


MC307

In der Anfangszeit der Wikipedia wurde vieles nur recht allgemein festgelegt, die konkrete Ausgestaltung der Regeln wurde der Community überlassen. Das war seinerzeit sicherlich sinnvoll, denn es gab ja keine Erfahrungen, auf die man sich hätte stützen können. Die Folge ist aber, dass nichts mehr ohne Beteiligung der Community durchgesetzt werden kann, geschweige denn gegen deren Willen. Das musste selbst Wikipedia-Gründer Jimmy Wales erfahren, der 2010 im Alleingang eine Vielzahl angeblich pornographischer Bilder aus dem Medienarchiv Commons löschte und sich daraufhin einem Sturm der Entrüstung seitens der Community ausgesetzt sah.
Die Vorbereitung eines Meinungsbildes, ursprünglich als unkomplizierte Möglichkeit gedacht, die Stimmung in der Community abzufragen, ist mittlerweile sehr aufwendig. Sind etwa die Abstimmungsoptionen oder Auswertungsmodalitäten nicht klar genug dargestellt, werden Meinungsbilder oft: genug aus formalen Gründen abgelehnt. Ein grundsätzliches Problem aller Abstimmungen in Wikipedia ist übrigens, dass sich meist nur wenige hundert sehr aktive Wikipedianer daran beteiligen. Gelegentliche Nutzer bekommen sie in vielen Fällen überhaupt nicht mit, und selbst unter den regelmäßigen Autoren gibt es etliche, die weder Zeit noch Lust haben, sich mit Meinungsbildern zu befassen. Wirklich repräsentativ sind sie daher nicht. Dem Anspruch nach ist Wikipedia eine Enzyklopädie, der Form nach ein Wiki. Oft zitiert wird eine Aussage von Ward Cunningham, dem Urvater der Wiki-Software, dass Wikipedia am Ende eher ein Wiki als eine Enzyklopädie sein wird. Tatsächlich handelt es sich im Grunde um eine recht ineffiziente Methode, qualitativ hochwertige Inhalte zu erstellen und zu sichern. Entscheidungen zu treffen und durchzusetzen ist mit ständigen, oft langwierigen Diskussionen verbunden. Man kann das aber auch positiv sehen, nämlich dass Wikipedia ein Beispiel für deliberative Demokratie ist und gerade der möglichst freie Austausch von Argumenten einen wesentlichen Erfolgsfaktor darstellt. Jedenfalls ist bemerkenswert, wie viele hunderttausend Arbeitsstunden freiwillig und unbezahlt aufgewendet wurden, um den heutigen Stand zu erreichen.
Wikipedia hat sich unbeabsichtigt zu einem Leitmedium entwickelt. Das ist für die weitere Entwicklung nicht ungefährlich, denn es ist zu erwarten, dass Manipulationsversuche weiter zunehmen werden. Trotzdem soll das Projekt so offen wie nur möglich bleiben. Um diese Herausforderung auch in den nächsten zehn Jahren zu bewältigen, muss sich die Community bewusst sein, dass das Projektziel vorrangig die Erstellung einer Enzyklopädie ist, nicht die Durchführung eines Experiments in Online-Demokratie. Die Verwendung demokratischer Strukturen ist kein Selbstzweck. Und um es mit Helmut Schmidt zu sagen: »Die Demokratie lebt vom Kompromiss. Wer keine Kompromisse machen kann, ist für die Demokratie nicht zu gebrauchen.«



MC308

Vokabeln:


MC309

Wissen ist Macht
VON ARNO MATTHIAS
---
Hmmmm ... ganz schön schwierig, ganz allein einen Artikel zu schreiben ... Ich bin es von meiner Wikipedia-Mitarbeit gewohnt, dass von allen Seiten Hilfe herbeikommt, um meine Lücken zu füllen und meine Fehler zu beseitigen, kostenlos und anonym: ein echtes Geschenk.
Sich eine gedruckte Enzyklopädie zu leisten war immer, selbst im reichen Deutschland, eine wohlüberlegte Anschaffung; für die meisten kam solch ein Kauf nicht in Frage. Enzyklopädisches Wissen war ein Luxusgut. Wohl hätte die Regierung jedem Haushalt eine Enzyklopädie schenken können, zur Deckung des Grundbedarfs, aber hätte die Bevölkerungsmehrheit diesen Schatz nutzen können? Meine Eltern haben sich mit Mühe, vielleicht weil mein Vater Lehrer war, den 16. Großen Brockhaus geleistet, erschienen von 1952 bis 1963. Heute dient er als Regalschmuck. Die Bände 13 und 14 waren Ergänzungsbände; in diesen musste man suchen, was man in A - Z nicht fand - oder um die »neuesten« Aktualisierungen zu bekommen. Und natürlich waren auch die Ergänzungsbände nach heutigen Maßstäben schon bei der Auslieferung völlig veraltet.
»Wikipedia is a charity« (Jimmy Wales; Wikipedia ist Wohltätigkeit), abhängig von Geldspenden und gespendetem Wissen. Ich spende (Informationen), weil ich mir eine kostenpflichtige Enzyklopädie nicht leisten könnte und dank meines Wissensdurstes gewiss zu den häufigsten Nutzern der Wikipedia gehöre. Daher möchte ich dazu beitragen, dass das laufende Experiment Wikipedia, innerhalb des laufenden Experiments Internet, gelingt. »Alles Wissen für alle« heißt das Ziel, und der Hauptgegner - das Geschäftsmodell, mit Informationen Geld zu verdienen - ist stark. Die Notwendigkeiten, zu essen und zu wohnen, erzeugen Profite schon seit langem; saubere Atemluft und sauberes Wasser, dank der Umweltverschmutzung, seit kurzem. Wer sich Essen, Trinken, Wohnen und Atmen leisten kann, bedarf der geistigen Nahrung. Also wird die Kommodifizierung von Informationen vorangetrieben; »own, be owned, or remain invisible« (Heath Bunting). »Den Geburtsfehler des Internets - kostenlose Inhalte - zu beseitigen, ist aber schwierig und langwierig«, beliebte die ARD-Vorsitzende Monika Piel zu formulieren. Wikipedia ist ein herber Rückschlag für die Genpatentierer dieser Welt. Stewart Brand: »Information wants to be free« (Information will frei sein), »You own your own words, unless they contain information. In which case they belong to no one.« (Du besitzt deine eigenen Worte, außer sie enthalten Informationen. In diesem Fall gehören sie niemandem.)



MC310

Vokabeln:


MC311 - MC320[editar]

MC311

Während gedruckte Enzyklopädien noch intelligent designte Kreationen waren, ähnelt Wikipedia viel mehr einem evolvierenden Lebewesen. Erstere gehören vergangenen autoritären Zeitaltern an, Letztere ist demokratisch. Wiki-Artikel können wie Lebewesen zugrunde gehen, wenn keine Negentropie-Arbeit mehr hineingesteckt wird. Gleichgültigkeit führt zur EntropieZunahme und letztlich zum Wärmetod. »He not busy being born is busy dying« (Bob Dylan). Wiki-Artikel steigern, wie Lebewesen, ihre Überlebenswahrscheinlichkeit dadurch, dass sie aufs Geratewohl kleine Änderungen produzieren und dem Urteil der Umwelt anheimstellen, ob diese Änderungen beibehalten werden können. Wiki-Darwinismus erklärt, warum bei so vielen unterschiedlichst qualifizierten Mitarbeitern etwas so Gutes herauskommen kann. »Democracy doesn't come from the top. It comes from the bottom« (Howard Zinn).
Das Internet »lädt sehr stark zu demokratischen Prozessen ein« (Prof. Peter Kruse), und auch Wikipedia kann sich an der »Erziehung zur Mündigkeit« (Theodor W. Adorno) beteiligen. So ist es zum Beispiel gut, dass sie als nicht immer zuverlässig gilt (unabhängig davon, ob solche Zweifel gerechtfertigt sind). Das erzieht dazu, Einzelquellen zu misstrauen und Tatsachenbehauptungen zu überprüfen. Nur so lassen sich die Privatinteressen einzelner Meinungsmacher in Schach halten. Allzu großes Vertrauen erzieht dagegen zum faulen und gefährlichen »Wird schon stimmen, steht ja in Wikipedia«.
Wichtiger als die unzensierte Erfassung aller noch so entlegenen Detailinformationen, wichtiger als der Ausbau zu einer professionell nutzbaren, hieb- und stichfesten Lehrbuchsammlung ist die vollständige, möglichst neutrale und verständliche Darstellung von Fakten, die es jedem Benutzer, auch aus bildungsfernen Schichten, ermöglicht, sich jedes Thema zu erschließen und »produktiv ins eigene Bewusstsein aufzunehmen« (Adorno). Die wichtigsten Regeln der Wikipedia sind letztlich »Neutraler Standpunkt« und »Laientest« (Wikipedia:Laientest). »With great power comes great responsibility« (Spider-Man).




MC312

Vokabeln:


MC313

Exklusionisten gegen Inklusionisten ein enzyklopädischer Bruderkrieg
VON TOBIAS LUTZI
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Kennen Sie Ernie Wasson? Wasson ist Botaniker und Mitherausgeber eines Standardwerkes für Gartenpflanzen. Er leitet den botanischen Lehrgarten des Cabrillo College in Kalifornien. Und er ist Gegenstand des millionsten Artikels auf der deutschen Wikipedia. Moment mal! Wie kommt Ernie Wasson zu einem Wikipedia-Artikel? Was sucht ein Text über einen Gärtner, der vielleicht einer Handvoll Pflanzenkundlern bekannt ist, in einer Enzyklopädie?
Weil auf Wikipedia jeder einen neuen Artikel anlegen kann, stellt sich dort täglich die Frage, zu welchem Thema es einen Artikel geben sollte - und welches besser draußen bleibt. Entsprechend gut gefüllt ist die Spezialseite »Löschkandidaten«, auf der täglich mehrere Dutzend Artikel zur Löschung vorgeschlagen werden. Neun Minuten nach seiner Erstellung landete auch »Ernie Wasson« dort - wegen »grenzwertiger Relevanz«.
Tatsächlich können Artikel aus zwei Gründen aus der deutschsprachigen Wikipedia gelöscht werden: wegen fehlender Qualität und wegen fehlender Relevanz. Dass ein unverständlicher, falscher oder aus einer urheberrechtlich geschützten Quelle kopierter Artikel gelöscht wird, ist ebenso selbstverständlich wie selten; regelmäßig reichen wenige Handgriffe, um die bereits vorhandenen Informationen in angemessener Qualität darzustellen. Artikel, die allein ihrer Qualität wegen zur Löschung vorgeschlagen sind, werden deshalb üblicherweise im Laufe der Löschdiskussion überarbeitet und anschließend behalten.




MC314

Vokabeln:


MC315

Ganz anders verhält es sich beim zweiten möglichen Grund für eine Artikellöschung, der Relevanz. Einerseits besteht in kaum einer Löschdiskussion Einigkeit darüber, ob ein Artikel im Sinne der »Relevanzkriterien«, die in der deutschen Wikipedia seit langem das Maß der Dinge sind, relevant ist; während gerade die in der Löschdiskussion aktiven Autoren dies meist bezweifeln, ist der Verfasser eines Artikels regelmäßig davon überzeugt. Andererseits ist die Frage, ob Relevanz überhaupt ein brauchbares Kriterium zur Auswahl der Artikel für Wikipedia ist, noch immer nicht abschließend geklärt - und seit Jahren Gegenstand eines regelrechten Glaubenskrieges.
Zwei Autorengruppen stehen sich dabei gegenüber. Zum einen die sogenannten Inklusionisten, für die »kein Thema irrelevant ist, das sich durch reputable Quellen belegen lässt« und für die Wikipedia idealerweise »zu jedem Begriff und Namen, dem ein Mensch begegnen kann, [Auskunft geben solll«. Für sie gehört in Wikipedia alles, was richtig ist. Zum anderen die Exklusionisten und Deletionisten, die »Wikipedia zum geschliffenen Diamanten machen [wollen]«. Für sie gehört in Wikipedia nur das, was wichtig ist. Beide Seiten sollen in diesem Teil des Buches zu Wort kommen. Der folgende Text dient dabei dem besseren Verständnis der Debatte und ihres Kontextes.




MC316

Vokabeln:


MC317

Glaube: Die Grundfrage
»[Wikipedia] glich einem gigantischen >Wir sammeln Laub<Projekt, in dem jeder sofort als Landschaftsgärtner bezeichnet wurde. Einige benutzten dafür sehr professionelle Harken aus Metall oder trugen sogar Laubgebläse auf dem Rücken. Andere waren nur Kids, die mit ihren Füßen über den Boden fuhren und die Taschen ihrer Sweatshirts mit bloßen Händen vollstopften. Aber auch ihre Blätter waren auf dem gemeinsamen Haufen willkommen. Der Haufen wuchs, und jeder tollte darin herum. Im Lauf der Zeit wurde er zum größten Laubhaufen, den je einer gesehen hatte - ein Weltwunder. Dann aber tauchten selbsternannte Laubhaufenwächter auf, Zweifler und Gegner, die jede angebotene Handvoll Laub misstrauisch beäugten und ihre Köpfe schüttelten. Und dann meinten sie, dass die Blätter zu zerknautscht seien oder zu matschig oder zu gewöhnlich, und warfen sie einfach beiseite. Das war schade.«
Das Bild, mit dem der amerikanische Schriftsteller Nicholson Baker die Anfangsjahre des Online-Lexikons beschreibt, zeigt, wie Wikipedia sich grundlegend von einer klassischen Enzyklopädie unterscheidet. Während Wikipedia ein Laubhaufen ist, dessen Umfang allein von den Ideen derer abhängt, die ihn zusammentragen, steht bei Brockhaus und Britannica von vornherein fest, aus welchen Blättern der Haufen am Ende bestehen soll.



MC318

Vokabeln:


MC319

Die herkömmliche Enzyklopädie ist daher zwangsläufig exklusionistisch. Verlag und Redaktion sind schon aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen, sich auf einen bestimmten Umfang festzulegen. Anschließend müssen sie die begrenzten Ressourcen Platz und Arbeitszeit bestmöglich aufteilen, indem sie Anzahl, Länge und Inhalt der Artikel bestimmen. Schließlich müssen sie im Hinblick auf diese Faktoren eine möglichst große Kohärenz erreichen, die verschiedenen Bereiche also in eine (vor allem für den Leser) schlüssige Relation setzen.
Wikipedia ist frei von diesen Zwängen. Dass Wikipedia jemals an eine physikalische Grenze stoßen wird, ist äußerst unwahrscheinlich; dass sich Autoren innerhalb des unbestritten relevanten Bereichs inhaltliche Vorgaben machen lassen, ebenfalls. Wikipedia ist damit die einzige Enzyklopädie, deren Redaktion die Ressource Platz nicht beschränken muss und die Ressource Arbeitskraft nicht verteilen kann. Sie ist damit a priori inklusionistisch und kann alle Inhalte aufnehmen, die ihre Mitarbeiter erschaffen.
Dass für Wikipedia Inklusionismus die Regel ist, während exklusionistische Beschränkungen als Ausnahme der Begründung bedürfen, ändert jedoch nichts daran, dass es für sie gute Gründe geben kann. Vielfach werden etwa die Gefahren eines Verzichts auf die Forderung nach einer Mindestrelevanz von Artikeln genannt (schlechtere Auffindbarkeit relevanter Artikel, größerer Aufwand für Pflege und Verwaltung des Artikelbestandes, Verlust von Seriosität etc.), die nur durch eine Ausnahme vom inklusionistischen Grundprinzip von Wikipedia bekämpft werden könnten - für das es freilich seinerseits gute Argumente gibt. Festzuhalten bleibt, dass sich aus der grundsätzlichen Möglichkeit, eine inklusionistische Enzyklopädie unbegrenzten Inhalts zu schaffen, kein logisches Gebot ergibt, Schulchöre, denkmalgeschützte Doppelhäuser oder einzelne Pokémon aufzunehmen.



MC320

Vokabeln:


MC321 - MC330[editar]

MC321

Liebe: Der Status quo
Die deutsche Wikipedia gilt im Allgemeinen als exklusionistisch. Grund ist vor allem die Wichtigkeit der sogenannten Relevanzkriterien, die vor mehr als sieben Jahren von einer Handvoll Benutzern als »Einschlusskriterien« (also Faustregeln, um einen unstreitig relevanten Artikel identifizieren zu können) formuliert worden sind und inzwischen einen umfangreichen und ausdifferenzierten Kriterienkatalog bilden, an dem die Löschwürdigkeit eines jeden Artikels gemessen wird.
Erstaunlich ist dabei zunächst, dass der heutige Status quo vor allem das Ergebnis einer langjährigen Wechselwirkung zwischen stetiger Ausdifferenzierung der Relevanzkriterien und deren immer strikterer Handhabung innerhalb der Löschdiskussionen ist. Eine klare demokratische Legitimation sucht man dagegen vergebens.
Zwar ist die generelle Forderung nach einer bestimmten Relevanz für neue Artikel in drei (einen Gegenvorschlag ablehnenden) Meinungsbildern mehr oder weniger deutlich bestätigt worden. Das erste enthielt mit der Abschaffung der (inzwischen umformulierten) Richtlinie »Wikipedia ist keine Datenbank« aber einen Vorschlag, der deutlich über eine Reform der Relevanzkriterien hinausging. Das zweite Meinungsbild (für eine »liberale Löschpraxis«) wurde vor allem wegen der überaus unklaren Abstimmungsoptionen abgelehnt, während das dritte (für eine »Reform der Relevanzpolitik«) gleich zwei tiefgreifende und (auch in ihrer Darstellung) komplizierte Reformvorschläge enthielt und deshalb bereits als solches abgelehnt wurde. Inhaltlich fand sich nur eine hauchdünne Mehrheit für den Status quo.



MC322

Vokabeln:


MC323

Noch deutlich schwieriger ist es, den konkreten Inhalt der Relevanzkriterien zu rechtfertigen. Tatsächlich ist er in den meisten Bereichen das Ergebnis der Diskussion zwischen wenigen Benutzern, die sich innerhalb eines Fachbereichs auf bestimmte Kriterien geeinigt haben. Zuzugestehen ist den Befürwortern dieser Praxis zwar, dass im Falle von Konflikten, die längere Zeit zu keinem Kompromiss führen, tatsächlich ein Meinungsbild durchgeführt wird und besonders strittige Einzelfragen so von der Community entschieden werden. Nichtsdestotrotz war die überwältigende Mehrheit der Relevanzkriterien nie Gegenstand einer Abstimmung. Entsprechend unabhängig voneinander haben sich die Kriterien über Jahre hinweg entwickelt und sind dabei gleichzeitig immer präziser und anspruchsvoller geworden. Eine klare Mehrheit der Autoren sprach sich in einer Umfrage Ende 2009 denn auch für eine insgesamt niedrigere Relevanzhürde aus.
Dass die meisten Kriterien inzwischen gleichwohl zu einer Art Gewohnheitsrecht erstarkt sind, liegt vor allem an ihrer strikten und ständigen Anwendung in der Löschdiskussion. Das ist schon deshalb problematisch, weil die dort tätigen Autoren mehrheitlich Verfechter einer restriktiven Relevanzpolitik sind. Kaum einem der (meist vergleichsweise unerfahrenen) Autoren eines zu löschenden Artikels ist zudem die geringe Legitimation der Relevanzkriterien bewusst, weshalb in der Löschdiskussion regelmäßig nur über die Auslegung einzelner Regeln, nicht aber über die Existenz der Regel als solche diskutiert wird.
Die Anwendung und Auslegung der Relevanzkriterien in der Löschdiskussion scheint denn auch am wenigsten Rückhalt unter den Autoren zu haben. Schon im Jahr 2007 haben sich in einer Umfrage 55 Prozent der Teilnehmer für insgesamt weniger Artikellöschungen ausgesprochen. Die bereits 2004 angelegte »Unterschriftenliste für eine liberale Löschpraxis« wurde im Januar 2011 von ihrem 800. Unterstützer unterzeichnet - die Liste »gegen eine liberale Löschpraxis« hatte zum gleichen Zeitpunkt 104 Unterzeichner.



MC324

Vokabeln:


MC325

Dass sich indes auch am zehnten Geburtstag von Wikipedia weder für eine grundsätzliche Reform der Relevanzkriterien oder deren Abschaffung noch für eine Liberalisierung der Löschpraxis eine Mehrheit gefunden hat, zeugt von einer gewissen Konsolidierung des Status quo. Ob dieser inzwischen auch Ergebnis der Sozialisierung neuer Mitarbeiter ist, für die Wikipedia-Artikel grundsätzlich an ihrer Qualität und Relevanz gemessen werden, sei dahingestellt.
Auffällig ist jedenfalls, dass sich der Streit zwischen Inklusionisten und Exklusionisten (wenigstens in der deutschsprachigen Wikipedia) fast ausschließlich an der Frage nach Artikellöschungen entzündet. Ist ein Artikel als solcher relevant, hängt die Auswahl der dargestellten Informationen dagegen allein von den persönlichen Vorstellungen der beteiligten Autoren ab. Während sich in der Löschdiskussion inzwischen ein fester Kanon des Relevanten gebildet hat, sind Umfang und Tiefe eines Artikels kaum reglementiert. Zwar kommt es auch zwischen den Verfassern eines Artikels zu Diskussionen über die Relevanz einzelner Inhalte - etwa der spannenden Frage, ob der Umstand, dass Lukas Podolski beim zweiten Vorrundenspiel der WM 2006 (gegen Polen) die deutsche Nationalhymne nicht mitgesungen hat, im Artikel über ihn Erwähnung finden sollte -, doch mangels fester Kriterien und systematischer Kontrolle schwankt die Relevanzgrenze für einzelne Inhalte von Artikel zu Artikel erheblich.
Die unterschiedliche Bedeutung der Relevanz eines Artikels und der Relevanz von Inhalten kann dabei zunächst abstrakt erklärt werden: Da Wikipedia im Grundsatz zwingend inklusionistisch ist, bedarf jede Beschränkung ihres Inhalts einer Begründung. Nicht alle Argumente, die von den Exklusionisten für die Beschränkung der Artikel auf Wikipedia ins Feld geführt werden, sind jedoch auf die Artikelinhalte übertragbar. Auffindbarkeit und Verwaltung des Artikelbestands etwa leiden stärker unter einer Flut von Artikeln denn unter einer Flut von Informationen.
Hinzu kommt ein wichtiger praktischer Grund: Wahrend die Neuanlage von Artikeln leicht zu überwachen ist, finden Änderungen an den bestehenden Artikeln im Zehntelsekundentakt statt. Zudem besteht mit der Löschdiskussion ein einheitliches Diskussionsforum für die Relevanz von Artikeln; die Relevanz einzelner Inhalte wird dagegen auf der Diskussionsseite des entsprechenden Artikels besprochen. Eine systematische Kontrolle der Artikelinhalte ist schon deshalb nicht möglich.
Die exklusionistische Grundeinstellung der deutschen Wikipedia, die auch sonst im internationalen Vergleich auffällig stark an klassischen Enzyklopädien wie dem »Brockhaus« orientiert ist, kristallisiert sich daher primär in der Löschdiskussion. Für den Umfang des Artikelbestands stellt sie den zentralen Flaschenhals dar. Einen Flaschenhals, der in den meisten anderen Sprachversionen deutlich breiter ist, allen voran der englischen, die weit über dreieinhalb Millionen Artikel beherbergt, darunter auch solche zu regional bekannten Schulchören und einzelnen Pokemon; ihr millionster Artikel beschreibt einen kleinen Bahnhof am Rande von Glasgow.



MC326

Vokabeln:


MC327

Hoffnung: Die Bedeutung der Debatte
Wer sich mit der gerade beschriebenen Debatte längerfristig beschäftigt, wird sehen, dass es sich zwar um ein Grundsatzthema handelt, das täglich Gegenstand und Grundlage Dutzender Löschdiskussionen ist, innerhalb der zentralen Projektdiskussionen aber trotzdem nur selten auf der Tagesordnung steht. Die Meinungsbilder etwa, die konkret die Relevanzkriterien zum Thema haben, kann man wörtlich an einer Hand abzählen.
Es sind vor allem die zahlreichen (Internet-)Medienberichte, in denen seit Jahren vom »Reizthema Relevanz«, von »Löschkriegen« oder gar einer »Diktatur der Relevanz« die Rede ist. Für das Jahr 2009, in dem das Thema in den Medien besonders stark diskutiert wurde, listet der Wikipedia-Pressespiegel über 40 Berichte zum Thema Relevanz auf.
Die Mehrheit der Wikipedia-Autoren beschäftigt sich hingegen allenfalls sporadisch mit der Debatte (dann aber gern mit harten Bandagen). Bei vielen mag dies schon daran liegen, dass sie sich in unstreitig relevanten Bereichen beteiligen und nur selten die Luft der »Löschhölle« schnuppern. Wer heute zu Wikipedia stößt, lernt die Relevanzkriterien zudem als fest etablierte und unumstößliche Grundlage des Projekts (und seiner Löschdiskussionen) kennen - und blickt möglicherweise auch deshalb nie hinter dessen Kulissen, weil er ihm nach Löschung seines »irrelevanten« Erstlingswerks schlicht den Rücken kehrt.
Die faktische Erfolglosigkeit aller auf Veränderung gerichteter Meinungsbilder drückt nichtsdestotrotz eine gewisse Zustimmung der Autorenschaft zum Status quo aus. Dem offenbar geringen Interesse an einer grundsätzlichen Neuorientierung Wikipedias in der Relevanzfrage entspricht dabei das Fehlen spürbarer Fluchtbewegungen. Wie andere aus Wikipedia entstandene Alternativprojekte, die sich etwa eine höhere Qualität auf die Fahne geschrieben haben, zieht auch PlusPedia, das »Wiki ohne Relevanzkriterien«, dessen Motto »Wissen ist willkommen« lautet, bisher nur wenige Autoren an. Der Artikel zum »Sack Reis Nr. 19.234.23b«, der angeblich dafür bekannt ist, dass er am Morgen des 15. Juni 2006 umgefallen ist, dürfte aber wohl auch für viele Inklusionisten zu viel des Guten sein.



MC328

Vokabeln:


MC329

Exklusionismus: In den Maschinenräumen von Wikipedia
VON BENUTZER:WENIGER=MEHR
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Wikipedia ist eine Online-Enzyklopädie zum Mitmachen, so lautet die landläufige Auffassung. Doch wie bei so vielen Dingen gibt es auch hier zwei Seiten: die glänzende Oberfläche und das, was sich darunter verbirgt. Man kann Wikipedia mit einem Bibliotheksgebäude vergleichen, von dem viele Leute nur das kennen, was man von außen sieht. Wer sich lediglich für die Bücherregale interessiert, wo es viel zu lesen, zu ergänzen und zu verbessern gibt, kann jahrelang achtlos an den Türen vorübergehen, die hinunter in die Kellergeschosse führen. Dort unten liegen die Maschinenräume, wo Wikipedia gesteuert wird, und dort herrscht Hauen und Stechen.
Das bekam auch ich zu spüren. Es dauerte sehr lange, bis ich begann, mich für die Kellerräume zu interessieren. Natürlich war mir das umfangreiche Regelwerk von Wikipedia bekannt, aber das fand ich so in Ordnung. Wie es entstanden war, hatte ich nie hinterfragt, und es erschien mir für meine Mitarbeit bedeutungslos. Ich ahnte auch nicht, dass dieses Regelwerk ständigen Veränderungen unterworfen ist, die teilweise mit härtesten Bandagen ausgefochten werden. Für mich war selbstverständlich, dass wir alle - von kleinen Meinungsverschiedenheiten abgesehen - am selben Strang ziehen: eine qualitativ hochwertige Enzyklopädie zu schaffen, die keinen Vergleich mit etablierten Werken fürchten muss.



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Aufstand der Erbsenzähler
Bis ich eines Tages im Artikel »Geschichte Thailands« lesen musste, dass Sicherheitskräfte massiv gegen Demonstranten vorgegangen waren und dass dabei in der Hauptstadt Bangkok nach Angaben aus Krankenhäusern mindestens fünf Menschen getötet und etwa 300 verletzt worden waren. So ein Unfug, dachte ich, diese Details sprengen einen Artikel, der 5000 Jahre Geschichte darstellen soll, bei weitem. Ich kondensierte den Text auf »... was zu Toten und Verletzten führte«, was ich für enzyklopädisch angemessen halte. So und nicht anders würde dies im »Brockhaus« stehen! Denn selbst wenn sich ein Leser für die genauen Zahlen interessieren sollte, müssen dann 100 andere darüber hinweglesen?
Dies entpuppte sich als die folgenschwerste Bearbeitung meines Lebens. Mit dem Kommentar »Vandalismus!« machte ein detailbesessener Benutzer meine Änderung rückgängig. Okay, kleine Meinungsverschiedenheit, glaubte ich damals noch, die kann man vernünftig ausdiskutieren. Von wegen! »Das ist mit Quellen belegt, also bleibt es drin«, belehrte mich ein weiterer Informationserbsenzähler. Als leuchtendes Beispiel wurde ich mit einem Artikel - zutreffender: Presseschaubericht - über einen Flugzeugabsturz konfrontiert, den man völlig schadlos auf die Hälfte hätte sublimieren können. »Im Gegenteil«, wurde weiteres Unheil angekündigt, »der Artikel gehört noch kräftig ausgebaut!« Ich sah ein, dass jede weitere Diskussion zwecklos war. Mit einem anderen Autor, der meine Position unterstützt hatte, kam ich überein, dass wir Gras über den Artikel wachsen lassen und ihn später auf einen enzyklopädisch relevanten Umfang eindampfen würden.
Währenddessen wurden die minutiösen Schilderungen der Geschehnisse in einen eigenständigen Artikel »Unruhen in Bangkok 2010« ausgelagert und dort fleißig aufgebläht. Guido Westerwelle, so wurde uns berichtet, zeigte sich besorgt über die Situation und appellierte an beide Seiten, auf Gewalt zu verzichten. Ich stellte mir das bildlich vor: Westerwelle sieht die Geschehnisse in der Tagesschau und sagt am nächsten Morgen zu seiner Sekretärin: »Niemand soll sagen, der deutsche Außenminister hätte das alles ignoriert. Schreiben Sie doch bitte mal kurz das Übliche auf einen Zettel, so mit Besorgnis, Gewaltverzicht und dergleichen. Sie wissen schon ... Und den faxen Sie dann an die gewohnten Nachrichtenagenturen.« Und wahrscheinlich wäre Westerwelle selbst verblüfft, wenn er sehen würde, dass diese banale außenministeriale Pflichtübung - weltweit von Dutzenden anderer Außenminister ähnlich lautend verbreitet - für bedeutend genug gehalten wurde, um sie in Wikipedia einzubauen.



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Sektenkrieg
Bald musste ich feststellen, dass der Wahnsinn Methode hatte. Eine völlig neue Seite von Wikipedia tat sich vor mir auf: Artikel zu tagesaktuellen Ereignissen. Ihre Autoren hatten eine völlig andere Auffassung über Wikipedia, als ich es bisher gewohnt war und für selbstverständlichen Konsens hielt. Auf ihren Benutzerseiten entdeckte ich verblüffendste Meinungsäußerungen über Inhalt und Umfang von Wikipedia-Artikeln - und schließlich stolperte ich über den Begriff »Inklusionist«. Was war das? Und: Gibt es auch das Gegenstück dazu? Ich forschte weiter und stieß auf Diskussionen aus längst vergangenen Zeiten. Mit anderen Worten: Ich hatte die Kellergewölbe entdeckt und die Kämpfe, die dort ausgefochten wurden und immer noch werden.
Wenn man die Geschichte von Wikipedia erforscht, stößt man immer wieder auf unterschiedliche Vorstellungen über Inhalt, Form und Mitarbeit, die mit geradezu religiösem Eifer verfochten wurden und letztendlich zu dem führten, was man auch bei den großen Weltreligionen beobachten kann: Bestenfalls bilden sich Sekten, die den jeweiligen Religionsvarianten anhängen, schlimmstenfalls - was auch bei Wikipedia bereits vorgekommen ist - schart ein Prophet seine Getreuen um sich, spaltet sich ab und gründet eine Konkurrenzreligion.
Eine dieser Sekten bilden die bereits erwähnten Inklusionisten. Ihren Widerpart musste ich lange suchen, denn nur wenige nennen sich ausdrücklich Exklusionist. Jede Seite unterstellt der anderen, Sinn und Funktionsweise von Wikipedia nicht verstanden zu haben, und wahrscheinlich nimmt auch jede Seite in Anspruch, allein die reine, ursprüngliche Lehre zu vertreten.



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Vokabeln:


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Die Inklusionisten lehnen jegliche Relevanzkriterien ab. Alles, was nur durch eine einigermaßen renommierte Quelle belegt ist, kann und soll in Wikipedia eingebaut werden, denn ihr Credo lautet: Es gibt ja Platz genug. Wenn die Schülerband einer Dorfschule in einer der großen Tageszeitungen erwähnt wurde, dann ist sie allein dadurch hinreichend geadelt, um einen eigenen Eintrag in Wikipedia zu verdienen. Dass der Artikel nur in einer der vielen Lokalbeilagen der Zeitung zu lesen war und eigentlich die Verabschiedung des Schuldirektors zum Thema hatte, dass der kurze Absatz über die Band nur deshalb in dem Artikel erschien, weil ihr Schlagzeuger auch Pressereferent der Schule ist, und dass dieser Absatz nur deshalb nicht gestrichen wurde, weil der Layouter zufällig noch ein bisschen Platz zu füllen hatte, interessiert nicht: Belegt ist belegt und damit auch relevant, basta. Dass Wikipedia dadurch Schritt für Schritt von einer qualitativ hochwertigen Enzyklopädie zu einer quantitativ hochwertigen Presseschau mutiert, interessiert ebenso wenig oder wird wahrscheinlich sogar gutgeheißen.
Eine lange Liste mit aufsteigender Tendenz, in der ein bekennender Inklusionist Gleichgesinnte sammelt, zeugt von stetigem Zulauf zu dieser Sekte. Offensichtlich stellt ein weiteres inklusionistisches Credo ein Erfolgsrezept dar: »Schlechte Artikel können ruhig monatelang auf Wikipedia stehen, vielleicht werden sie ja irgendwann mal verbessert. Voreiliges Löschen vergrault nur neue Autoren.«



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Weniger ist mehr
Für Exklusionisten ist und bleibt Wikipedia ganz klar eine Enzyklopädie, und genau so soll sie auch aussehen. Enzyklopädischer Stil ist angesagt: prägnant und auf das Wesentliche konzentriert. Inklusionisten glauben, dass herkömmliche Enzyklopädien so knapp formuliert wären, damit sie auf relativ wenig Papier passen. Exklusionisten wissen, dass herkömmliche Enzyklopädien so knapp formuliert sind, damit wichtige Informationen nicht zwischen Bergen von Flachlaberei untergehen. Denn in der Kürze liegt die Würze, weniger ist mehr. Wenn man den Wald nicht mehr sieht, müssen Bäume gerodet werden. Qualität ist oberstes Gebot. Lieber zu viel weglassen oder löschen, als Wikipedia irgendeinem Makel aussetzen, denn jeder Artikel vertritt zu jeder Sekunde das Qualitätsniveau des gesamten Werks. Eine schlechte Qualität ist nur Wasser auf die Mühlen derjenigen, die ein Interesse daran haben, das Ansehen von Wikipedia zu mindern. Und sie vergrault langgediente Autoren, die ihre eigenen Ansprüche und Ideale nicht mehr vertreten sehen und die sich mit einer Banalitäten-Wikipedia nicht mehr identifizieren können.
Wie viele Exklusionisten es gibt, ist völlig unbekannt. Nur wenige bekennen sich ausdrücklich zu dieser Sicht. Wahrscheinlich ist es den meisten von ihnen gar nicht bewusst, dass sie Exklusionisten sind, denn sie halten ihre Einstellung zu Wikipedia für völlig selbstverständlich und ahnen nicht im Geringsten, dass es Andersdenkende gibt.
Wer sich einen Eindruck von dem Sektenkrieg verschaffen möchte, braucht nur hinab in die Kellergewölbe der Bibliothek zu steigen und an den verschiedenen Türen zu lauschen. Hinter vielen hört man Schwerter klirren oder gar Schüsse peitschen. In vielen Räumen zum Beispiel werden Löschungen von Artikeln vorgeschlagen und diskutiert. Ein Dutzend Benutzer tippt tausendmal mehr Zeichen, als der diskutierte Artikel lang ist, um seine Irrelevanz bloßzustellen bzw. um seine Existenzwürdigkeit zu verteidigen. In anderen Räumen wird darum gefochten, ob etablierte Artikel mit Banalitäten aufgebläht oder enzyklopädisch gestrafft werden sollen. Wiederum in anderen Räumen wird das Regelwerk von Wikipedia selbst zum Ziel, das eine Burgmauer wider eindringenden Inklusionismus bildet: Die einen versuchen, Breschen in Lösch- und Relevanzkriterien zu schlagen, die von Exklusionisten erbittert verteidigt werden.



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Inklusionismus: Mehr Toleranz!
VON OLIVER SCHNEIDER
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Wichtig ist zunächst, dass es hier im Grunde gar nicht um einen Sektenkrieg geht, denn in weiten Teilen ziehen Inklusionisten und Exklusionisten ja am selben Strang: Beide Lager wollen eine qualitativ hochwertige Universalenzyklopädie schaffen. Sie unterscheiden sich lediglich etwas in ihrer Toleranz- und Fehlerkultur.
Ein manchmal zu hörendes, wohl durch den Namen verursachtes Missverständnis ist, dass Inklusionisten einfach alles aufnehmen wollen. Dies stimmt natürlich nicht. Ein Artikel soll sein Lemma prägnant, exakt und abgerundet erklären sowie gegebenenfalls auf weiterführende Literatur hinweisen, denn der Leser einer Enzyklopädie erwartet relativ kompakt dargebotenes Wissen. Auch soll natürlich keiner in einen Artikel schreiben dürfen, was er will oder zu wissen glaubt. Nur durch reputable Quellen belegbares, bereits andernorts publiziertes Wissen sollte Einzug in eine Enzyklopädie halten. Völlig unstrittig ist also, dass Zweifelhaftes, Unsittliches, Werbung, durch persönliche Meinungen Gefärbtes oder einfach schlecht Geschriebenes nichts in einer Enzyklopädie zu suchen hat und daher auch gelöscht werden sollte.


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Unterschiede im Detail
Beide Sehweisen sind eng mit der Entstehung der Relevanzkriterien vor sieben Jahren verbunden.
Mit der Herausforderung konfrontiert, die Weichen für das Projekt möglichst sinnvoll zu stellen, sah man sich vor einem riesigen Berg von Arbeit. Eine Hauptsorge mancher Benutzer lautete beispielsweise; »Wir haben nicht genug Lemmata für alle Dinge.« Aus diesem Grund und auch um die zu leistende Arbeitsflut einzudämmen, die allein mit der Aktualisierung von Artikeln verbunden ist, befürwortete ein Teil der Wikipedianer, die sogenannten Exklusionisten, die Einführung von Relevanzkriterien, ähnlich wie sie auch in traditionellen Enzyklopädien angewendet wurden. Eine andere Gruppe, die Inklusionisten, war der Meinung, auf hauseigene Relevanzkriterien verzichten zu können. Ihr Argument war und ist bis heute, dass sich Wikipedia aufgrund der enormen elektronischen Speicherkapazität von herkömmlichen Enzyklopädien auf Papier unterscheidet und durch eine große Zahl von Artikeln nicht unübersichtlicher, teurer oder unhandlicher, sondern vollständiger wird. Ein weiteres Argument der Inklusionisten ist, dass nach dem Wiki-Prinzip Leser ausdrücklich zur Mitarbeit aufgefordert sind, sodass die Verantwortung für ein Gelingen sowieso nicht in den Händen einer kleinen selbsternannten Redaktion liegt.


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Wer schreibt, der bleibt
Während von Exklusionisten also mitunter die Position vertreten wird: »Relevant ist, was eine Gruppe wechselnder Freiwilliger für pflegenswert hält«, ist die inklusionistische Position wohl eher: »Relevant ist, was mit zuverlässigen Quellen belegbar und einem Autor so wichtig erscheint, dass er darüber einen Artikel schreibt.« :Inklusionisten stört an den hauseigenen Relevanzkriterien der Exklusionisten am meisten, dass sie anderen Leuten vorschreiben wollen, was für sie wichtig sein darf. Was Inklusionisten ebenfalls aufstößt, sind die sich inzwischen etablierenden sogenannten Mindestanforderungen. Diese führen mitunter dazu, dass bereits begonnene Artikel gelöscht werden sollen, weil sie nicht alle Informationen enthalten, die man von einem Artikel erwartet.
Während Exklusionisten anscheinend mehr Angst vor schlechter Qualität haben, machen sich Inklusionisten verstärkt Sorgen darum, »das Kind mit dem Bade auszuschütten«. Inund Exklusionisten unterscheiden sich aber auch in ihrer Fehlerkultur: Exklusionisten befürchten offenbar, ohne Relevanzkriterien könnten Qualitätsmängel so groß werden, dass sie dem Ansehen der Wikipedia schaden. Dagegen vertreten Inklusionisten die Meinung, dass die Möglichkeit, einen Fehler zu verbessern oder eine Lücke zu füllen, zur Mitarbeit motiviert, während eine allzu rigorose Löschpraxis genau das Gegenteil bewirkt. Als Beispiel dafür mag eine Anfrage in einem Mikroskopieforum dienen, einige in Wikipedia dringend benötigte Mikrofotos zur Verfügung zu stellen. Einer der dortigen Experten meinte diesbezüglich schlicht:
»... meine eigenen Erfahrungen und die in meinem Umfeld sind nicht so, dass ich dazu raten kann, sich [an der Arbeit in Wikipedia] zu beteiligen. Das Problem ist nicht so sehr, Bilder und Texte einzustellen, sondern sie gegen Löschungsanträge jeder Art über Wochen und Monate zu verteidigen^ wobei überwiegend die Einwendungen bar jeder Sachkompetenz sind. Man muss für sich entscheiden, ob man diesen Aufwand fahren will. Gerade Themen abseits des Mainstreams - wie viele mikroskopische Themen - haben es sehr schwer.«
Auch für mich persönlich sind natürlich viele Themen nicht relevant. Es macht mir aber nichts aus, wenn ein anderer etwas für mich Irrelevantes schreibt, weil ich ja nicht gezwungen bin, es zu lesen, und Wikipedia im Gegensatz zu einem Papierwerk dadurch weder unübersichtlicher noch teurer wird. Es stört mich demzufolge auch nicht, wenn so etwas erst dann aktualisiert wird, wenn jemand, der sich dafür interessiert, darauf stößt. Jeder einigermaßen medienkompetente Leser sollte in der Lage sein, der Versionsgeschichte eines Artikels zu entnehmen, wann der Artikel aktualisiert wurde. Es käme doch auch keiner auf die Idee, Buchhandlungen oder Bibliotheken zu schließen, wo Bücher und Nachschlagewerke angeboten werden, die bereits vor einiger Zeit gedruckt wurden und daher nicht den aktuellen Stand der Dinge spiegeln.



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Inquisition des Wissens
Um es noch mal prägnant zusammenzufassen:
Inklusionismus: Über Relevanz entscheiden die Herausgeber reputabler Quellen sowie Wikipedia-Autoren und -Leser. Inklusionisten sind überzeugt, über wirklich irrelevante Themen wird keiner schreiben, weil es keinem die Zeit und Mühe wert ist. Außerdem belasten weniger relevante Beiträge niemanden, weil sie erst sichtbar werden, wenn man aktiv danach sucht.
Exklusionismus: Über Relevanz entscheiden die Herausgeber reputabler Quellen sowie Wikipedia-Autoren sowie

Leute, die sich an den Löschdiskussionen beteiligen und dort bestimmen, ob ein Thema andere Leute interessieren darf.

Nun kann jeder selbst entscheiden, welches das bessere Vorgehen ist und ob man so eine Inquisition des Wissens (im Sinne des im vorangegangenen Text angesprochenen Sektierertums) wirklich braucht.
Bei dieser Diskussion darf aber nicht übersehen werden, dass sie in einem Randbereich stattfindet. Bei den unzweifelhaft relevanten Themen ziehen Ex- und Inklusionisten nämlich am gleichen Strang. Inklusionisten sind halt nur ein kleines bisschen toleranter, wenn es darum geht, was dem anderen wichtig ist. Dieser Aspekt wird unterschiedlich gesehen und bewertet, aber davon unberührt bleibt die Tatsache, dass In- und Exklusionisten in den letzten zehn Jahren ein tolles Projekt geschaffen haben, auf das man inzwischen auch gemeinsam ein wenig stolz sein darf.



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Mit 80 + dabei
VON MEINOLF WEWEL
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Bei Wikipedia bin ich schon seit Jahren und hoffentlich noch lange. Es macht viel Freude, aus diesem Ozean des Wissens zu nehmen und ihm etwas zu geben. Die Mär von seiner Unzuverlässigkeit ist längst widerlegt. Wikipedia hat sich als so zuverlässig erwiesen wie die Encyclopcedia Britannica und der Brockhaus. Nicht selten ist sie sogar exakter und ausführlicher, vor allem der Gegenwart näher als jede gedruckte Enzyklopädie.
»Aber es kann doch jeder darin ungeprüft schreiben und ändern!« - Das hält manchen ab, sich auf Wikipedia einzulassen, gar für sie zu schreiben oder in ihr zu korrigieren, sein Wissen einzubringen. Wie oft bin ich von Fachleuten auf Fehlendes und auch Fehler hingewiesen worden. Meine Ermunterung, gleich selbst zu ergänzen oder zu korrigieren, fand nur selten Anklang. Halten am Ende Ängste um den Verlust eines Status manche davon ab, einen Wissensvorsprung in ein jedermann offenes »work in (of) progress« (Arbeit in Gang; Arbeit des Fortschritts) einzubringen?
Für mich ist die Mitarbeit bei Wikipedia das zivilgesellschaftliche Engagement, das den mir im Alter verbliebenen Möglichkeiten am meisten entspricht und bei dem ich meine im Laufe des Lebens und vieler Berufsjahre erworbenen Kompetenzen am besten anwenden kann.
Mit einem selbst gewählten Pseudonym (Benutzernamen) entledigt man sich ganz bewusst all dessen, was sich als Status angesammelt hat. Das geschieht nicht aus Sorge um diesen Status, sondern weil das, was eingebracht wird, ohne Ansehen des Verfassers für sich stehen soll. Der Autor tritt hinter den Text zurück. Es ist ein großer Vorzug, dass bei Wikipedia alle Mitarbeit unentgeltlich und anonym ist. Keine finanziellen Interessen und auch keine Interessen der Profilierung eines Autors können seine Mitarbeit bestimmen.
Von Vorurteilen befreit, türmen sich aber leider neue Hindernisse auf: die »Relevanzkriterien«, die für Löschungen ins Feld geführt werden. »Relevanz«? - ein modischer Begriff. Was sagt Wikipedia darüber? Im eher dürftigen Artikel kein Wort über »Relevanzkriterien« und auch kein Hinweis, wie oder wo man sie finden kann. Dass man nur über einen Klick auf »Hilfe« zu ihnen gelangt, ist nicht selbstverständlich. Ich versuchte es dem Benutzer einfacher zu machen und setzte beim Artikel einen Link. Doch der wurde sofort gelöscht. Auf Nachfrage hieß es zur Begründung, dass »aus dem Artikelraum kein Link in den redaktionellen Bereich führen« darf. Warum diese Abschottung? Sollte Wikipedia nicht eine freie demokratische Sammlung allen Wissens sein? Zumindest alles Relevante sollte doch hinein. Sind die »Relevanzkriterien« selbst nicht relevant, also irrelevant?



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Ist es nicht auch ziemlich irrelevant, unter welchen Gegebenheiten Hunderassen, Brauereien, Sportvereine, Krankenhäuser, Busunternehmen, Weingüter, Köche, Musiker, Mobiltelefone, Webseiten, Verkehrswege als relevant gelten sollen, wie es die »Relevanzkriterien« auf 30 DIN-A4-Seiten vorschreiben? Wen würde es schon stören, wenn auch eine kleine Brauerei, die noch keine Jahresproduktion von 100 000 Hektoliter erzielt hat und auch noch keine 100 Jahre alt ist, einen Artikel in Wikipedia bekäme?
Es gibt eine Regelungssucht, die in der guten Absicht, ein Werk von höchster Qualität zu schaffen, vielen kompetenten Leuten so sehr auf die Nerven geht, dass sie ihre Mitarbeit einstellen oder auch erst gar nicht damit beginnen. Kein Wunder, kann es doch zum Beispiel durchaus vorkommen, dass ein junger Informatiker einem Professor für Alte Geschichte erklärt, sein Beitrag, an dem er tagelang gearbeitet hat, sei irrelevant und daher zu löschen.
ind hier nicht neue Hierarchien entstanden? Hierarchien, die sich statt auf Fachkompetenz auf fragwürdige »Relevanzkriterien« stützen? Mehr und mehr werden Einzelnachweise gefordert, weil man den Autoren keine Fachkompetenz zutraut. Administratoren, die nicht fachlich ausgewiesen sind, sollen darüber wachen und Löschungen vornehmen. Seit Jahren gibt es eine heftige Debatte darüber. Sie ist nicht weniger abschreckend, als es die »Relevanzkriterien« schon sind.
Mitunter geht es in Bearbeitungskriegen (Edit-Wars) mit Vorwürfen wie »völliger Quatsch«, »keine Ahnung«, »konfuse Ansichten«, »Irreführungen« so schrill zu, dass man sich lieber zurückzieht. Vor allem uns Alten geht es so, hatten wir doch ohnehin schon Mühe, uns an den Umgangston mit seinem »Du« zu gewöhnen, ganz abgesehen davon, dass doch auch die ganze Computertechnik für uns Neuland war. Wen wundert es da, dass viele sich gar nicht erst für Wikipedia engagieren wollen und auch viele nach ersten Versuchen abspringen. Aber die Kompetenz vieler Älterer wäre doch notwendig, auch im Sinne der sogenannten »Exklusionisten«, die um einer hohen Qualität willen für strenge Relevanz- und Belegpflicht eintreten.
Ich bin ein sogenannter »Inklusionist«, ein Wikipedianer, der Artikel lieber behält und ausbaut als löscht. Alles Wissen der Welt frei zugänglich für jedermann - das ist die großartige Vision von Wikipedia, der wir treu bleiben sollten. Zu erreichen ist das freilich schon wegen der prinzipiellen Unabgeschlossenheit nicht, aber wir können uns um Annäherung bemühen. Die Relevanz eines Artikels ist für mich irrelevant. Es geht allein darum, ob er wahr und richtig ist. Dass sinnlose und beleidigende Artikel, Artikel, die reine Werbung sind oder das Urheberrecht verletzen, gelöscht werden, dagegen wird niemand etwas einzuwenden haben.
Wahr und richtig - freilich in der prinzipiellen Begrenztheit menschlichen Wissens. Und selbstverständlich weiß sich auch dieser Artikel begrenzt.


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